PETER LIECHTI (1951-2014)
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GRIMSEL – Ein Augenschein (1990, Documentary/Essay, 3:4, 16mm comopt; DVD, Digi_beta, 48')
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Argauer Tagblatt, Lorenz Beiser, 11-3-1990
«Grimsel» von Peter Liechti. Eine Landschaft kann sich nicht wehren, schon gar nicht gegen einen Stauddamm. Für die Landschaft am Grimsel wehrt sich deshalb der St.Galler Peter Liechti, und sein Film ist nicht nur schärfste Agitation, sondern auch hochwertigste Poesie, antiästhetisch verfremdend, sensibel meditierend, blitzgescheit philosophierend - die Sensation der diesjährigen Filmtage.


ZOOM, Matthias Rüttimann, Nr.3/90
«Grimsel. Ein Augenschein.» Der Untertitel besagt es: Da ist eine Mini-Filmequipe aus den Ballungszentren im Unterland aufgebrochen, um sich vor Ort ein Bild zu machen, einen Augenschein zu nehmen. Vor Ort, das ist eben der Grimsel, wo die Kraftwerke Oberhasli ein immenser Pumpspeicherwerk planen. Anstoss zu diesem «Ausflug ins Gebirge» (so hiess Peter Liechti's dritter Film von 1985) waren dem Bieler Res Balzli, der mittlerweilen zu einem der mutigsten, nicht etablierten Produzenten avanciert ist und in Solothurn dafür eine Auszeichnung der etablierten CEFI Werbefilm AG entgegen nehmen durfte, «Zeitungsmeldungen und Flugblätter», die über das gigantische Ansinnen der Kraftwerkbetreiber informierten.

Doch für die Argumente der Befürworter von Grimsel-West haben sich weder Balzli noch Liechti interessiert. «Ausgewogenheit», schreiben sie im Begleittext zum Film, «überlassen wir gerne <ausgewogeneren> Geistern.» Überhaupt schien das Stausee-Projekt Grimsel-West letzten Sommer zu Beginn der Dreharbeiten bereits gestorben, was den Filmemachern kein Hindernis war, ihr Werk dennoch zu realisieren. Mittlerweilen ist es wieder auferstanden, gerade rechtzeitig zur Premiere. Nun befürchten die Filmautoren hingegen, die Haslitaler und der Grimsel-Verein (der organisierte Widerstand gegen das Projekt) könnten vom Film enttäuscht sein. Denn «Grimsel. Ein Augenschein» ist nicht nach dem Muster eines Agitationsfilms gewirkt, wie sie Abstimmungskämpfe zuweilen hervorbringen und erfordern.

«Grimsel», das bleibt eben ein Augenschein. Was dem Auge beim Betrachten der von Liechti fotografierten Bilder erscheint, kann nicht einfach antithetisch in wunderbare, einzigartige, unberührte Natur hier und grauenhafte, gewaltsame Technik dort unterschieden werden. Vielmehr zeigt Liechti eine Landschaft, in der die Zeichen menschlichen Zu- und Eingriffs omnipräsent sind.
sMehr noch, von diesen Zeichen geht eine unheimliche Faszination aus. Lichtfäden gleich spannen sich die Starkstromleitungen von Mast zu Mast, Talseiten verbindend. Die sich berauschend und gewaltig aufschwingende, bestehende Staumauer wird gar in einer Art Performance eingefangen: Fünf schwarze Autoreifen stürzen der Mauer entlang in die Tiefe. Ein packendes Schauspiel, wie von Roman Signer ersonnen, welchem Ostschweizer Künstler der St. Galler Liechti seinen letzten Film gewidmet hatte («Roman Signer: St.Gallen-Kassel-Graz», 1987).

Diese Irritation zwischen Faszination und Ablehnung taucht auch in den Aussagen der befragten Personen auf. Selbst Adolf Urweider, der Präsident des Grimsel-Vereins, ist nicht gefeit davor, wenn er räsonniert: «Als ich mich gegen dieses gigantische Staudamm-Projekt zu wehren angefangen habe, da habe ich mich gefragt, ob ich mich auch gegen die Pyramiden gewehrt hätte, wenn ich damals gelebt hätte. Die gefallen mir nämlich, diese gigantischen Zeichen von menschlicher Präsenz in der Wüste.» Und selbst wenn sich Klaus Ammann, engagierter Berner Professor für Botanik, ereifert, man müsse diese Ordnung und Schönheit der Natur auch einmal erfassen, und bedenkt, «dass wir nicht einmal mehr wissen, was wir zerstören», so finden sich darin Fanghaken, welche erst die Montage freilegt. In jedem anderen Dokumentarfilm wären solch kernige Aussagen eindeutig und unproblematisch. Nicht aber in «Grimsel», wo sie suspekt werden: Warum müssen wir «wissen», was kaputtgeht? Entspringt das Wissen, das die Schönheit ordnen und registrieren will, letztlich nicht demselben Akt der Vernunft, der den zerstörerischen technischen Eingriff erst möglich gemacht hat? Oder wie es Urweider ausdrückt: «Man sagt einfach: Es ist schön. Damit hat man es auf eine Art vermenschlicht und vereinfacht und mit dem gleichen Geist kann man es nachher zerstören: Nachher ist es halt einfach ein bissehen weniger schön.»

So viel selbstkritische Offenheit hat bisher selten ein politischer Film an den Tag gelegt. Gewinnt aber damit das Argument der Kraftwerkplaner an Überzeugung, beim Grimsel handle es sich um ein bereits verschandeltes Gebiet, daher solle man lieber dort oben als anderswo ein weiteres Wasserkraftwerk realisieren? Dagegen begehrt Liechti auf: «Dieses Argument kann heute auf den ganzen Planeten angewendet werden - und wird auch.» Keinen Moment lassen Liechti und Balzli im Gespräch offen, auf welcher Seite sie stehen. Nur, so leichterhand die bösen Macher verurteilen, das können sie nicht. Ihrer Ansicht nach liegen die zu bekämpfenden Faktoren tiefer. Und dann erzählen sie von ihrem «grüüsigste» Erlebnis während der Dreharbeiten, vom Bettag, als das Schweizer Volk den Grimsel befahren hatte, eine stinkende, lärmende Kolonne, die gekommen war, um die Natur zu geniessen.

Solche Erlebnisse sind in «Grimsel» eingeflossen, augenscheinlich. In blaustichigen, beschleunigten, verwackelten Einstellungen (in Super-8 gedreht) erhalten sie Ausdruck. Liechti besitzt wie nur wenige Schweizer Filmkünstler das Auge für bedeutungsvolle, mehrschichtige Bilder, für die künstlerische Reduktion, von der die Faszination des Gestalteten ausgeht, und sei das Objekt auch eine «katzgraue» Betonwüste. So sind wir beim Betrachten zurückgeworfen auf unser eigenes widersprüchliches Verhältnis zu Natur und Technik und damit auf unsere eigene Verantwortung gegenüber der «Verschandelung» unseres Lebensraums. Sowenig sich das Naturgedicht in «Haslitiitsch» auf der Tonspur mit dem Bild von der Versuchsinstallation zur Erforschung der Wasserkraft am Anfang des Films zusammenbringen lassen, sowenig endet der Film in einem propagandahaften Konsens. Propaganda hasse er, gesteht Liechti und bezeichnet seinen Film als ein Stück «Anti Propaganda». Vielleicht liegt darin das Geheimnis, dass dieser Augenschein mehr als bloss ein politischer Dokumentarfilm über das Grimselprojekt geworden ist, nämlich ein kleines Kunstwerk.


Neue Zürcher Zeitung, 26-1-1990
Ob die Schweizer Filmschaffenden, nach jahrzehntelanger Gleichgültigkeit, nun endlich die Dringlichkeit ökologischer Fragestellungen erkannt haben?
«Grimsel» von Peter handelt von der Bedenklichkeit, der Natur jene letzten Reste von Unversehrtheit noch zu beschlagnahmen, wie es das Konzessionsgesuch für das Pumpspeicherwerk Grimsel-West vorsieht. Ohne politische und ökonomische Aspekte aus den Augen zu verlieren, interessiert sich der Film für die grundsätzlichen, eben ökologischen Fragen. Und wie um daran zu erinnem, dass in der Natur andere Zeitmasse gelten, lässt Peter Liechti die Vorgänge etwas verlangsamt ablaufen, was dem Film, zusammen mit den Belichtungsverschiebungen bei den Landschaftsaufnahmen, zusammen auch mit der eindringlich verfremdenden Musik von Martin Schütz, jene Dimension des Fremd-Entrückten verleiht, das sich gegen voreiliges Begreifen und Vereinahmen wendet.


Basler Zeitung, 22-1-1990
… Da ist Peter Liechtis stilsicherer «Grimsel». Der Film ist «ein Augenschein» (so der Untertitel) in einer von megalomaner Bau und Expansionssucht bedrohten Gegend. Statt sich in Details zu verlieren, was sehr leicht möglich wäre bei diesem Thema, widmet sich Liechti in nüchternen Bildern einer Landschaft und ihren Bewohnern. Der Film bleibt immer sachlich und nimmt die Bergbauern, die er zu Wort kommen lässt, ernst.


Filmklub Neus Kino, Basel 1990
Der Beste Film der diesjährigen Filmtage. Peter Liechti hat Menschen und Landschaften zum gigantischen Stauseeprojekt befragt, und dabei sein eigenes gebrochenes Verhältnis zur Bergwelt eingebracht. Ein engagierter Film über die Nutzung letzter unberührten Landschaften durch die Menschen.


Tages Anzeiger, 18-5-1990
«Grimsel» von Peter Liechti holt die Meinungen betroffener Menschen zur Erweiterung des Grimselstausees ein. Die Zerstörung weiterer Berglandschaften zwecks «Stromveredelung» will den Berglern partout nicht einleuchten. Humorvoll, schroff und würzig wie die Landschaft, aus der sie stammen, geben sie den Unterländern ihr Fett ab.


«Excursions dans le paysage» Michel Favre, drôle de vie, numéro 8, décembre 1990

Grimsel-West. Un méga projet impliquant, pour une surélévation de la digue du barrage, des conséquences désastreuses sur l'environnement. Un mesquin projet permettant aux actionnaires d'empocher de gros dividendes grâce aux lois du marché de l'électricité: on pompe de l'eau en période estivale (électricité bon marché) et on revend en hiver lorsque les prix sont hauts.
Résultat: 1% d'augmentation réelle de production énergétique.. Voilà le contexte dans lequel Peter Liechti et son producteur Res Balzli (Step across the Border...) décident de faire un film.
Pluqu'un documentaire sur les enjeux économico-écologiques du projet de Grimsel-Ouest, ils décident d'investiguer sur les répercussions qu'ont ces projets sur les vies des personnes vivant dans le site. On s'aperçoit rapidement que la montagne est colonisée de différentes manières, vécues parfois dans l'indifférence face à ses qualités propres, par toutes sortes de groupes distincts et sectaires.
Les bikers en goretex, les grimpeurs-parapenteurs, les amoureux des pique-niques, les chasseurs de pittoresque en tous genres projettent chacun à leur manière des clichés dénaturant les paysages et les mentalités.
Le film se construit à partir de ces mythes libérateurs de la société des loisirs et insiste sur le lien inévitable qu'elle entretient avec la spéculation sur la nature et l'énergie.
Ce que filme Liechti n'est pas un tableau de cette colonisation, mais plutôt une déchirure dans la digue du barrage. Notre aititude contemplative devant ces paysages en prend un coup.La grande force de Peter Liechti est d'éviter les pièges en s'attaquant à ces clichés, et d'y mettre toujours une forte dose d'humour. Jamais insaisissables, ses films sont comme des index pointés vers les repères manichéens de notre société et nous laissent pourtant toujours des zones d'inconnu et de surprise, preuve s'il en fallait que Liechti n'est pas un cinéaste récupérable et classifiable dans un glossaire des particularismes helvétiques.

« Ma pensée est restée en partie sauvage et ce que je tiens à conserver, c'est de ne pas toujours marcher droit.»

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