PETER LIECHTI (1951-2014)
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ROMAN SIGNER, Z├╝NDSCHNUR (1990, Documentary, VHS/S-VHS (limitierte & signierte Editionen in VHS und U-matic), DigiBeta, 26')
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┬╗Ausgehend vom Bahnhof Appenzell wurde auf der 20,06 km Bahnlinie Appenzell - Gais - St.Gallen eine Z├╝ndschnur gef├╝hrt, die sich mit einer Brenngeschwindigkeit von 150 sek/Meter w├Ąhrend 35 Tagen entlang den Bahngeleisen bewegte.
Die Z├╝ndschnur, die ├╝blicherweise f├╝r Sprengzwecke verwendet wird, ist gegen Regen und N├Ąsse unempfindlich... Der Brennvorgang ist nicht als offene Flamme sichtbar. Das Feuer bewegt sich innerhalb eines Schutzmantels, und nur eine d├╝nne austretende Rauchwolke markiert seinen Standort. Die rund 20 km lange Z├╝ndschnur setzte sich aus ca. 100m-Teilst├╝cken zusammen, die nach und nach ausgelegt wurden...

Eine Kontinuit├Ąt des Feuers ├╝ber die ganze Strecke bedingte die ├ťberleitung der Flamme vom Ende einer Z├╝ndschnur zum Anfang der n├Ąchsten ohne Unterbruch des Brennvorgangs. Als Verbindungselement liess Roman Signer offene Metallrinnen anfertigen, wo die Z├╝ndschn├╝re durch R├Âhren eingef├╝hrt wurden. Das ankommende Feuer entz├╝ndete jeweils ein kleines H├Ąufchen Schwarzpulver; damit wurde die neue, weiterf├╝hrende Z├╝ndschnur in Brand gesetzt. Alle 4 bis 4 1/2 Stunden, auf dem ganzen Weg mehr als 200 mal, wurde dieser kleine Explosionsvorgang wiederholt. Das Feuer und die ausgelegte Z├╝ndschnur wurden w├Ąhrend 35 Tagen rund um die Uhr unter der Verantwortung von Roman Signer von ihm selber oder MitarbeiterInnen ├╝berwacht und kontrolliert.
Am 11.September 1989 um 16.00 startete Roman Signer im Bahnhof Appenzell auf einem kleinen Tisch mit einer Schwarzpulver-Entz├╝ndung das Feuer und f├╝hrte am 15.Oktober um 12.04 mit einem analogen Rauchsignal im St.Galler Bahnhof die Aktion zu Ende. Die letzten Minuten wurden begleitet von einer Musikkomposition von Peter Groll, die er mit einer Bl├Ąser-Gruppe der Musikgesellschaft Harmonie Appenzell urauff├╝hrte.┬ź (R.S./A.N.)

Der Film dokumentiert diese Aktion in ausgew├Ąhlten Zeitabst├Ąnden vom Start im Bahnhof Appenzell ├╝ber die ganzen 35 Tage hinweg bis zum Ziel im St.Galler Bahnhof.




Transscript / Dialogliste, deutsch
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Roman Signer
AKTION MIT EINER Z├ťNDSCHNUR

Appenzell ┬ľ St. Gallen

Appenzell ab 11.9.89 16.00
St. Gallen an 15.10.89 12.04

Wenn Du mich fragst, was diese Schnur f├╝r mich bedeutet: Das geht ├╝ber das Physikalische etwas hinaus; es ist gewissermassen auch ein Abschied von meinem Geburtsort.

Nat├╝rlich kann nicht jeder so eine Schnur legen. Ich mach das jetzt einfach. Viele haben dies wohl schon seelisch vollzogen, was ich jetzt hier in aller Oeffentlichkeit mache. Ich bin ja schon lange hier ausgezogen, geistig bin ich schon lange weg. Es ist, als ob ich diesen Abschied nun nochmals k├Ârperlich nachvollziehen m├╝sste. Die Zeit ist jetzt einfach reif, um das zu machen. Vielleicht kommt ja die Ausdauer auch daher, dass ich das jetzt machen will. Das wird hundert Jahren bestimmt nicht mehr gemacht werden, falls ├╝berhaupt jemals wieder. Und das ist schon einen hohen Einsatz wert.

Jetzt

5 Sekunden nach Countdown

Das ist eigentlich eine Wanderung. Eine Wanderung von mir, fast schon wie eine Wallfahrt. Als ob ich mich auf den Knien nach St. Gallen bewegen w├╝rde, ganz langsam und dem├╝tig durchs Land und nat├╝rlich schauen, was da alles so passiert. Eine pers├Ânliche Erfahrung, wie ein Lot, das ich in eine unbekannte Gegend lege, ein Messband. Das ist f├╝r mich nat├╝rlich eine total bekannte Gegend, aber durch die Aktion erfahre ich diese neu.


Als es angefangen hat mit dem Tischchen und dem Feuer in Appenzell war das ein spektakul├Ąres Ereignis, ziemlich gross, viele Leute. Sommer, sch├Ânes Wetter, die Leute hemds├Ąrmlig und fr├Âhlich, alle guter Laune. Danach l├Âst sich die Menge auf, das Volk verzieht sich und du bist ganz allein. Und dann kommt noch das Gewitter, ich habe das Schn├╝rchen gesehen, den Rauch in der Nacht und dann bin ich ins Denken gekommen... Erst da ist es mir richtig eingefahren und ich habe mir gedacht, halblaut vor mich hingemurmelt: ┬äEs ist eigentlich ein kompletter Wahnsinn.┬ô


Und ich habe mir gesagt, auch wenn alle anderen vor mir aufgeben, ich w├╝rde weitermachen mit dieser Z├╝ndschnur. Vielleicht w├╝rde ich dann irgendwo einschlafen vor Ersch├Âpfung, dort auf dem Geleise. Und am Schluss w├╝rde es dann einfach noch ┬éPfft┬ĺ machen, wenn das Feuerchen aufh├Âren w├╝rde. Das w├Ąre dann das Aus f├╝r diese Aktion.

Eigentlich ist es ein Wahnsinn zu sagen, dass alles an diesem Faden h├Ąngt. Dass das Projekt nur gelingt, wenn der Funke nie erl├Âscht.
Wie ein Damoklesschwert, das jederzeit fallen kann. Dabei ist mir das gar nicht so wichtig. Man k├Ânnte sich ja auch vorstellen, dass man die Schnur immer wieder neu anz├╝ndet.
Mir geht es ja um die Wegstrecke, um das Vergehen der Zeit und die ist ja authentisch - Die Strecke stimmt, die Zeit stimmt.
Es w├Ąre nat├╝rlich sch├Ân, wenn wir die Schnur kein zweites Mal anz├╝nden m├╝ssten. Aber das ist nicht das Wichtigste bei diesem Projekt.


Wenn ich abends im Bett liege, dann stelle ich mir das Schn├╝rchen vor. Es zischelt einfach so vor sich hin, durch die Nacht, wei├čt Du. Da ist immer so eine Wand, die Nacht, da musst Du durch. Und am morgen komme ich wieder, zuerst bin ich voller Unruhe und suche das R├Ąuchlein: ┬äBrennt das Schn├╝rchen noch?┬ô. Doch mittlerweile habe ich ein gewisses Vertrauen, dass es noch brennt. Wir haben das jetzt schon so oft gemacht.

Bei jeder Kurve kommt wieder etwas Neues; der eine bringt Kaffee, der andere Wein. Ein Haus, ein paar Worte, und schon kommt wieder jemand anders. Am n├Ąchsten Tag liegt das schon wieder weit zur├╝ck, es kommen neue Leute. Vielleicht kommen dieselben Leute auch nochmals, ein zweites Mal. Und irgendwann kommen sie nicht mehr, wir sind schon zu weit fort geschritten.
Man l├Ąsst alles hinter sich. Wie ein Film brennt das Schn├╝rchen einfach weiter, man spult den verkohlten Rest auf und nimmt ihn mit.

Es ist sehr eigenartig, da kommen st├Ąndig wieder andere Leute. Und die letzten liegen schon sehr weit zur├╝ck.
Es ist wie „es war einmal“; alles ist aufgereiht an diesem Schnürchen, das langsam verkohlt.


Guten Tag, Herr D├Ârig.
Guten Tag, wie geht┬ĺs?

Gut, soweit.
Was haben Sie denn da gemacht?

Ja, die Innenfl├Ąche der Hand hat es erwirscht. Es ist ja nichts abgesichert.
Da am Kopf auch?

Es ist nicht schlimm. Nein, nein, gar nichts.
Wie ist es denn passiert?

Ja, es ist sabotiert worden. Das haben wir dann zu sp├Ąt gesehen.
Da war nur noch ein 60cm langes St├╝ck ├╝brig und ich wollte das Verbindungsst├╝ck noch rechtzeitig anschliessen, um einen Unterbruch des Funkens zu vermeiden. Dann wollte ich weg, aber das Schwarzpulver hat schon gez├╝ndet.

Dann ist dem Gesetz gen├╝ge getan. So sagt man doch, nicht?


Andere machen Expeditionen in die Sahara oder in die Antarktis und ich mache jetzt halt eine durch┬ĺs Appenzellerland. Auch hier gibt es Raubritter und barmherzige Samariter. Im Kleinformat gibt es eben auch alles, M├Ârder und Banditen.


Die Distanz zwischen den zwei Spitzen hier ist genau hundert Meter, das heisst f├╝r die Z├╝ndschnur vier Stunden Brenndauer. So geht es ganz langsam im Takt vorw├Ąrts. Langsam aber stetig und das ergibt mit der Zeit eben doch Distanzen.


Vielfach habe ich auch einfach getr├Ąumt, die Sterne angesehen oder den Nebel, die Landschaft, Gr├Ąser - alles. Einfach nur geschaut und nachgedacht, fast mit leerem Kopf. Oder ├╝berhaupt nichts gedacht, manchmal war┬ĺs mir auch grauenhaft langweilig.


Jetzt sind wir in Teufen und in zwei Tagen sollten wir also ankommen mit der Schnur, wahrscheinlich Sonntag oder Montag. Den Mittelpunkt des Projekts haben wir bereits ├╝berschritten. Das Projekt ist ja 20 Kilometer; gestern waren es zehn Kilometer. Und jetzt geht es eigentlich planm├Ąssig vorw├Ąrts, dank den Leuten, die mir helfen. Und in der Nacht habe ich einen W├Ąchter angestellt. F├╝r alle ist es nat├╝rlich eine Bew├Ąhrungsprobe; ich habe immer Angst, sie k├Ânnten irgendwann die Motivation verlieren oder pl├Âtzlich einbrechen, vor allem wenn ich die Erm├╝dungserscheinungen an mir selbst feststelle. Es kommt so ein Erm├╝dungspunkt und den m├╝ssen wir jetzt ├╝berwinden.

N├Ąchster Halt auf Verlangen: Steinbach
Hier m├╝ssen wir raus.


Es ist eine unheimlich interessante Erfahrung f├╝r mich, einmal die Zeit so zu dehnen. Weil die Schnur brennt so langsam, die Tage sind so lang, die Wochen sind so unheimlich lang. Ein Monat hatte f├╝r mich noch nie so eine Ausdehnung wie jetzt. Und ich habe Zeit gewonnen. Und ich habe sehr deutlich gesp├╝rt, was f├╝r eine Provokation dies heute beinhaltet, so etwas zu machen. Die Provokation der Langsamkeit. In dieser Zeit, wo alles auf Geschwindigkeit angelegt ist, ist die Langsamkeit ein wahnsinniger Luxus und eine grosse Provokation.


Dann ist eine wundersch├Âne Strecke gekommen und auch das Wetter ist besser geworden. Hier, der Abstieg nach St. Gallen und hier die Kurve, da hatten wir mit dem Auto Zufahrt. Wir konnten an der Sonne sitzen, es war wirklich sehr sch├Ân gewesen und allen hatten es sehr genossen.

Wir sind viel mit Zigeunern verglichen worden, es hat auch etwas Zigeunerhaftes. Das polnische Auto, die herumstehenden Sessel... Wie eine Gauklertruppe, die sich durch das Land schiebt. Auf jeden Fall habe ich hier etwas verletzt, mit diesem Schn├╝rchen. Das war vielleicht auch die Absicht gewesen. Es kommt mir vor, wie ein Echolot durch die Gegend, eine Art Schichtenprofil, auch durch seelische Zust├Ąnde. Eine Fieberkurve, k├Ânnte man auch sagen.

Gestern abend um sechs Uhr waren wir hier. Zehn Uhr, dann Mitternacht, dann zwei in der Nacht, sechs am Morgen, zehn Uhr. Jetzt gegen den Abend, sechs Uhr, sollten wir hier an der Leonardsbr├╝cke sein, kurz vor dem Bahnhof St. Gallen. Ich finde das eigentlich ein wundersch├Ânes Quartier. Gestern war auch sch├Ânes Wetter, die Silhouette der Kirche, die D├Ącher, die G├╝terwagen...
Wei├čt Du, irgendwie ist das hier gar nicht mehr so richtig St. Gallen, vielleicht ist es gerade deshalb f├╝r mich ertr├Ąglich. Mir gef├Ąllt es hier.


Einerseits bin ich heilfroh, dass es endlich vorbei ist. Es ist ja eigentlich ein Wahnsinn ┬ľ wir waren unheimlich gefordert. Aber ich sehe bei meinen Mitarbeitern - fast noch st├Ąrker als bei mir - auch ein Gef├╝hl der Traurigkeit. Dass zeigt sich darin, dass sie jetzt alle dabei sein wollen, Tag und Nacht. Also ich werde mir erlauben, auch die n├Ąchste Nacht schlafen zu gehen, denn ich habe mich lange genug mit dem besch├Ąftigt. Ich will noch ein bisschen schlafen. Aber sie wollen nicht schlafen, sie wollen dabei sein. Sie wollen das Feuer noch haben, m├Âglichst lange noch haben. Und dann ist es pl├Âtzlich fertig, das ist auch irgendwie traurig.

Festivals:
IFF Rotterdam 2009
Nuovo Cinema Aquila, Roma

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