PETER LIECHTI (1951-2014)
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FATHER'S GARDEN – The Love of My Parents (2013, Essay, DCP color 25/24fps, 16:9. HDCAM, DigiBeta, DVD. Sound: 5.1, 93 ')
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ENGLISH


Peter Liechti is a restless wanderer in search of personal truth. Since filmmaking is his way of thinking about life it seems obvious that he should focus on his parents at some point. So there they sit in their modest home, with their modest wishes, exposing themselves to the camera and questions. Just like they expose themselves to life, without much resistance, really. Which makes the dramatic twist of shifting from documentary action to a puppet stage, where the parents appear as mummy and daddy rabbit while actors say their lines quite artful. This holds any hard-to-stomach nuggets at a distance while enveloping the narrative in the warm coat of a childhood perspective that promotes a charitable attitude. No accusations, no poking around in the past; just the attempt to approach the love of this couple. With amazement we follow their bizarre arguments about practically nothing, the routes of escape from their lonely intimacy, the construction of a daily life confined by a normative fence of “you may” and “you mustn’t”. The focus on the parents opens a door to a past whose cultural fabric is crumbling slowly. Fortunately. And yet: however unagitated the life of this couple may appear, it is still as valuable as our existence is unique.

Matthias Heeder, Catalogue DOK Leipzig 2013


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DEUTSCH

Christoph Egger zur DVD «Vaters Farten»

Ohne Bonus – Peter Liechtis Credo

Wollte man Peter Liechti necken, so brauchte man  ihn bloss zu fragen,  ob er für seine nächste DVD das Bonusmaterial schon bereithabe. Bevor er noch den Scherz erkannte, hatte  er schon ernsthaft zur Erklärung angesetzt, weshalb es das bei ihm nicht gebe. Grundlegend war für ihn, dass das Kunstwerk allein durch  sich selbst zum Publikum zu sprechen habe (ganz abgesehen davon, dass beim kleinen  Umfang  der meisten  seiner  Produktionen  gar keine  Mittel  für zusätzlichen  Aufwand da waren  und er allfällig nicht verwendetes Material stets schon im Geist in einem künftigen Projekt aufgehoben sah).  Alles  Drumherum hätte  in seinem  Verständnis nur  die Kraft  des Werks  gemindert. Eine Kraft, deren Wirkung entscheidend auch die  Cutterin  Tania Stöcklin verantwortete.  Von «Hans  im Glück»  (2003) über  «Hardcore Chambermusic» (2006)  und  «The  Sound of  Insects» (2009) bis nun eben zu «Vaters Garten – Die Liebe meiner  Eltern» tragen  Liechtis  vier  Hauptwerke der  letzten Dekade  in  ihrem subtil-beziehungsvollen Anspielungsreichtum, ihrem   präzisen Traumcharakter gleicherweise  ihre  Signatur.  Und so mutieren unscheinbarer Alltag  und fast vergessene Geschichte der betagten Eltern auf der Bühne  des  Figurentheaters kühn zum  komisch-beklemmenden Drama. «Nicht zuletzt  geht es mir in diesem Film auch darum, Menschen wie meinen Eltern [. . .] ein kleines Denkmal zu setzen. Und mit ihnen  einer  ganzen  Epoche, die dabei ist, ebenso still und unauffällig zu  verschwinden»,  schreibt Liechti  im schön gestalteten Booklet. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Film ihm, der Anfang April 63-jährig starb, zum Denkmal geworden.


So ein Glück!

Ein Zeitbild von Peter Liechti

« Vor einigen Jahren», hört man eine angenehme Stimme aus dem Off, «entdeckte ich meinen eigenen Vater auf der Straße. Wir waren beide verlegen. Warum konnten wir uns nicht richtig umarmen? Warum fühlten wir uns wie Ertappte?» Während dieses Prologs sieht man den Neumond, im Hintergrund tönt eine Hammond‑Orgel. Dann treten zwei Hasenpuppen vor einen Büh­nenvorhang, Vater und Mutter, und erinnern sich an das spannungs­volle Verhältnis zu ihrem Sohn, der so gar nicht in ihre geordnete Welt passen wollte. bis dann auch Max und Hedi Liechti, die betagten Eltern des 62‑jährigen Schweizer Filmkünstlers Peter Liechti, in natura zu sehen sind, bei Alltags­verrichtungen, in der Wohnung, beim Friseur oder dem titelge­benden Garten.

Mit diesem magisch-konzentrierten, programmatisch vielschichtigen Intro beginnt «Vaters Garten ‑ Die Liebe meiner Eltern», für den Liechti ein Jahr lang seine Eltern vor der Kamera befragte: nach ihrer Ehe, ihren Träumen und Sehnsüchten, Ansichten und Reflexionen, aber auch nach der gemeinsamen Fami­liengeschichte. Was dabei ans Tageslicht kommt, ist spannend, bedrängend und aufschlussreich, weil es tiefe Blicke ins restaurative Denken der Schweizer Gesellschaft erlaubt, in der alles seinen Platz hat und Männer noch immer als Ober­haupt der Familie akzeptiert wer­den. So wie Max die Beete in sei­nem Schrebergarten mit einer fast zenhaften Akkuratesse hegt und auch sonst stets penibel darauf bedacht ist, dass Haare, Kleidung, überhaupt alles tipptopp« ist, ord­net er seinen Kosmos in «normal» und «nicht normal», weshalb er sich auch kategorisch weigert, einen Haltegriff über der Badewanne anzubringen, obwohl Hedi deshalb schon zweimal gestürzt ist: In sei­nem Alter, wo das «Himmelsge­wölbe» quasi jeden Tag sichtbarer wird, braucht es das nicht mehr. Es geht Liechti allerdings nicht (mehr) um Agitation; die heftigen Konflikte der rebellischen 1970er­ Jahre sind einer selbstkritischen, von Liebe und Zuneigung getra­genen Neugier gewichen, die eine fast intime Zwiesprache erlaubt und darüber geradezu spektaku­läre Einsichten ermöglicht. So kommt selbst der Vater an den Punkt, seinen Aktivdienst» als Grenzsoldat 1944/45 zu hinterfragen: «Man war einfach ein anderer Mensch in der Uniform», weniger feinfühlig, geradezu kalt.

Den weitaus gewichtigeren Teil zur familiären Reflexion trägt allerdings die Mutter bei, die im Schatten des geselligen, nach außen orientierten Ehemanns einen schweren Stand hatte, in Einsamkeit und Depressi­onen versank, ehe sie im Glauben einen Halt fand. Auch wenn sie Max immer noch «wahnsinnig gern» hat und daran festhält, im Leben «so ein Glück gehabt zu haben», wun­dert sie sich doch an jedem ihrer bislang 62 Hochzeitstage, dass sie noch zusammen sind. Aus ihren Erzählungen erwächst ein bedrän­gendes Zeit‑ und Persönlichkeits­bild, in dem generationenübergrei­fend unheilsame Dynamiken am Werke sind: psychische Dispositi­onen, «Aufträge» und destruktive Muster.

Das Großartige dieses «Eltern»­-Films ist aber vor allem seine nar­rative Meisterschaft, die es durch den genialen Kunstgriff einer zwei­ten Erzählebene erlaubt, das indi­viduelle Schicksal auf eine allge­meinere Ebene zu heben. Das Schweizerdeutsch und die auf höchst kreative Weise montierten Aufnahmen mit den Protagonisten werden mittels der Hasenpuppen sprachlich ins Hochdeutsche und durch die Bühnensituation über­dies in eine exemplarische Dimen­sion transferiert, ohne dass die Geschichte von Liechtis Eltern dadurch ihre authentische Verwur­zelung einbüßen würde. Das ist ein bemerkenswerter Schritt in doku­mentarisches Neuland.

Josef Lederle, Filmdienst 24/2013 p.39


Zürcher Filmpreis 2013

Begründung der Jury
Peter Liechti, der in Zürich lebende 62-jährige Filmemacher mit St. Galler Wurzeln, hat in den rund drei Jahrzehnten seines bisherigen Schaffens mehr renommierte Preise eingeheimst als Filme gemacht. Dabei schafft er es, sich immer wieder neu zu erfinden. Und ebendies tut er einmal mehr in seinem jüngsten Werk «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern». Nach Jahren der Kontaktlosigkeit löste eine Zufallsbegegnung Peter Liechtis mit seinem Vater die Idee für das Projekt aus. Über die Dauer von zwei Jahren und zwanzig Gesprächen entstand ein Film, der sich nicht scheut, den Finger auf die wunden Stellen in der Familienkonstellation zu legen. Dies in einer stimmigen Balance zwischen Empathie und Reflexion – und mit einem zuerst skurril anmutenden, dann aber wohltuend verfremdenden Stilmittel: Szenen in einem Puppentheater, wo Vater und Mutter als Plüschhasen auftreten. So gelingt Peter Liechti in seinem essayistischen Dokumentarfilm eine ebenso einfühlsame wie entlarvende Annäherung an seine betagten Eltern und das subtile Porträt eines Paars und einer Epoche.


→ Filmbericht bei Arte ...


Verzweifelter Kasperl

Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti porträtiert in einem grimmig-komischen Dokumentarfilm seine eigenen Eltern - als Hasen. Mit Hilfe, oder trotz, der Handpuppen kehrt der Film das Innerste der Figuren nach außen. Und macht daraus großes (Hasen)theater.

Man könnte am Menschen ja manchmal verzweifeln. Im Großen (Weltkriege, Völkermord, Klimakatastrophe . . .), aber ebenso im Kleinen - man denke nur mal an die eigene Familie. Der Schweizer Filmkünstler Peter Liechti hat genau das getan, mit Lupe und Fernglas zugleich auf seine Eltern geschaut, auf ihre Ehe und die Beziehung zu ihren Kindern.

Ein grimmig-komischer Dokumentarfilm ist daraus entstanden, über zwei Menschen, die nicht zueinander passen, aber dennoch seit 62 Jahren verheiratet sind. Die auch zu ihrem Sohn Peter, dem Filmemacher, der nun auch schon über sechzig ist, nicht gepasst haben - wie sehr sich die drei aneinander abgearbeitet haben, lässt der Film erahnen.

Um mit den Eltern und dem, was sie sagen, überhaupt umgehen zu können, hat Liechti einen großartigen Kunstgriff gewählt. Er lässt Vater und Mutter als Hasen-Stabpuppen auftreten; Synchronsprecher sprechen das, was die Eltern auf Schweizerdeutsch gesagt haben, hochdeutsch nach. Da stehen also Papa Hase im frisch gebügelten Hemd und Mama Hase mit Küchenschürze und erzählen aus ihrem Leben: von Träumen, Depressionen, vom Glauben, von den Schwierigkeiten, die sie miteinander haben, und der großen Distanz zu ihrem rebellischen Sohn. Die Worte schweben druckreif, wie vorformuliert von der Puppenbühne oder begleiten aus dem Off diverse Alltagsszenen. Das Allerprivateste wirkt so gleichzeitig exemplarisch, weist über die individuellen Lebensläufe und Befindlichkeiten weit hinaus.

Was für ein Aufruhr das Erzählte beim Sohn auslöst, verrät die immer wieder wild zuckende Musik, die Liechti wie einen Kommentar über die Szenen legt. Und auch die Puppe, die der Regisseur als Stellvertreter für sich selbst gewählt hat, ist bezeichnend: Es ist ein verzweifelter Kasperl, der kahlköpfig vor den Hasenpuppen herumzappelt, oder den Kopf immer und immer wieder gegen ein Stehpult haut.

Nicht zimperlich

Manchmal geraten die Bilder - meist wenig spektakuläre Aufnahmen vom (realen) Alltag der Senioren - fast außer Kontrolle: Da brennt etwa eine Zypresse flammend grün vor dem herbstlich roten Schrebergarten des Vaters in den Himmel wie in einem surrealistischen Gemälde, oder die Träume der Eltern werden mit wackeliger Handkamera illustriert, die sich in einem schmalen Lichtkegel durchs Dunkle tastet wie bei Unterwasseraufnahmen.

Dass in Liechtis Filmen das Reale und das Fantastische keine Widersprüche sind, konnte man schon in seinem Filmessay "Das Summen der Insekten" (2009) sehen, der - aus der Perspektive des Verstorbenen! - von einem Selbstmord durch Verhungern erzählt. Dass Liechti nicht zimperlich ist, bewies das mit einem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten Werk ebenfalls.

Auch "Vaters Garten" kehrt das Innerste der Figuren nach außen, und was da zum Vorschein kommt, wirkt irgendwie typisch für die Schweiz. Wie ja schon die Hasenpuppen ein - gelungener - Versuch sind, nicht nur die Eltern zu charakterisieren, sondern darüber hinaus eine Grundhaltung, die womöglich eine ganze Generation kennzeichnet. Einer der erschreckendsten Momente des Films ist die Erzählung des Vaters über seinen Wehrdienst während des Zweiten Weltkriegs, als er an der Grenze "die Fremden" davon abhalten musste, in die Schweiz zu gelangen. Ob er von den Konzentrationslagern gewusst hätte, fragt der Sohn. Der Vater bejaht - und ist froh über die Uniform, die er damals trug, die ihm das Handeln erleichtert hätte.

Es sind aber nicht nur die Angsthasen und Hasenherzen, die einem in den Sinn kommen beim Anblick der (hervorragend geführten) Stabpuppen. Wie deren Hasenschnauzen zittern, die Ohren beben, das ganze Gesicht in Bewegung ist, zeugt von der Empfindsamkeit und dem Charakter der Tiere. Über den Umweg des Spiels vermittelt sich die große Zärtlichkeit, die der Sohn trotz allem für die Eltern empfindet. Diese haben kleine Leben geführt, in die der Film ein wenig Einblick gewährt - Liechti macht großes (Hasen)theater daraus.

Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung, 26. November 2013


Wie geht das, 62 Jahre verheiratet sein? „Vaters Garten“, ein etwas anderer Familienfilm

Der Vater zieht die Furchen im Gemüsebeet so akkurat wie mit dem Lineal. Die Mutter bügelt seine Hemden, 15 Minuten pro Stück, er will ja keine T-Shirts tragen. Schon zweimal hat sie sich die Rippen gebrochen, ist ausgerutscht in der Badewanne. Aber ein Haltegriff kommt nicht infrage, sagt der Vater. Löcher in die Kacheln bohren, das geht nicht.

Der Schweizer Regisseur Peter Liechti hat einen Dokumentarfilm über seine Eltern gedreht. Max und Hedi, sie sind über 80, seit 62 Jahren ein Ehepaar. Liechti wollte wissen, wie das geht, so lange verheiratet sein. Zumal die beiden grundverschieden sind, er ordnungsliebend und immer im Garten oder im Sportverein.

Sie wäre früher gerne gereist, jetzt verirrt sie sich mit Gehhilfe im Supermarkt, liest, betet, ist fromm. Der Mann ist der Herr im Haus, sagt er, sie widerspricht nicht mehr. Ein trautes Paar, das sich morgens ein Küsschen gibt, zwei Menschen, die einander fremd sind. Gemeinsam ist ihnen die Welt fremd geworden, die Gegenwart. Max trug immer die gleiche Frisur.

Der Sohn war ein Rebell. Heute ist er über 60 und bleibt sich treu. Legt Jazz und Neue Musik auf die Tonspur. Wählt schräge Unter- und Draufsichten, trennt Bild und Ton, lässt den Sturm die Sonnenblumen zerzausen, erlaubt sich extreme Close-ups. Lauter Befremdlichkeiten: Seinen Frieden hat Liechti mit den Eltern noch nicht gemacht.

Und doch hört er ihnen geduldig zu. Ein Versöhnungsangebot: Die beiden treten auch in Gestalt von Hasenpuppen auf, auf einer Puppenbühne. Jeder Satz, den die Hasen sagen, ist in einem der Film-Interviews tatsächlich gefallen. Auf Schwyzerdütsch. Die Hasen sind synchronisiert. Es klingt anders, nachdenklicher. So eröffnet Liechti einen imaginären Raum für das, was sich dem Verständnis vordergründig entzieht, schenkt den beiden am Ende ein Renaissance-Tänzchen, mit Wackelohren, Schürze und Hemd.

Seine Eltern hätten ihn gewarnt: Wenn er einen Film über sie drehe, wolle den bestimmt keiner sehen, erzählte Liechti, als „Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern“ auf der Berlinale 2013 Premiere feierte. Max und Hedi irrten, zum Glück. Die Leserjury des Tagesspiegels zeichnete den Dokumentaressay als besten Forums- Film aus. Ein „zärtliches Porträt“, das zugleich die eigene Verletzlichkeit offenbart, so die Begründung. Nach der Preisverleihung rief Liechti gleich seine Eltern an, um die Freude über die Auszeichnung mit ihnen zu teilen.

Christiane Peitz, Tagesspiegel, Berlin, 21.11.2013


Christoph Egger

Längerer Besuch des Sohns bei den Eltern

Nach langer Entfremdung und in fortgeschrittenem Alter hat sich der Filmemacher Peter Liechti seinen betagten Eltern wieder angenähert. Und zwar gründlich, in einem beeindruckenden Doppelprojekt von Buch und Film.

Die Arbeitstitel hatten es in sich: «Der Untergang des Abendlands», «For Heaven's Sake», «wind und weh» – das versprach einiges an Dramatik. Und nun also «Vaters Garten». Der Film freilich ist derselbe geblieben, am Konzept hat sich nichts geändert. Man sollte sich also nicht täuschen lassen von der hortikulturellen Beschaulichkeit in Max Liechtis perfekt bestelltem und üppigen Ertrag lieferndem Garten. Welche Abgründe sich hier verbergen könnten, signalisiert der wilde Aufruhr, den die Musik plötzlich anzettelt. Zunächst aber ist der Garten weniger Metapher als ganz konkret der Ort, an den sich der Gärtner zum Leidwesen seiner Frau abzusetzen pflegt. Gewiss ist er Ausdruck einer Lebenshaltung: einer geradezu japanisch anmutenden Akkuratesse, ja Pedanterie, verbunden mit sichtlichem Stolz und der (nachvollziehbaren) Sorge, dass die Kamera, anstatt die Beete ins beste Licht zu rücken, krumm ausgefallene Rüebli zeigt.

Kein Idyll

Das tut der Sohn zwar, aber er tut es nicht gern. In «Selbstgespräche», wie Peter Liechti die Notizen nennt, die zwischen Januar 2010 und Dezember 2012 während der Arbeit am Film entstanden, spricht er vom «Unwohlsein», dass er diesem Bedürfnis seiner Protagonisten, sich ins beste Licht zu rücken, «immer wieder zuwiderhandle, zuwiderhandeln muss, um sie meiner Meinung nach ins richtige Licht zu rücken». Diese Notate bilden den Anhang im eben erschienenen Buch «Klartext», das sieben Gespräche mit seiner Mutter und deren acht mit seinem Vater versammelt; ein Teil davon hat in den Film Eingang gefunden. Es sind intensive Gespräche, in denen auch Heikles verhandelt wird, die Beziehung zum Ehegatten, zu den Kindern, Ängste, Träume, auch Albträume und Depressionen, Glauben, Geld, Politik, Zeitumstände – lebensklug, berührend, manchmal beklemmend. Im Film nun erscheint der Alltag von Max und Hedy Liechti zwar aufmerksam dokumentiert, aber völlig unspektakulär, höchstens, dass Tania Stöcklins Schnitt von Zeit zu Zeit dynamisierend ins Geschehen eingreift. Vor allem werden die Protagonisten hier nicht, wie in ähnlich gelagerten Produktionen die Regel, zu irgendwelchen eigens für die Filmaufnahmen kreierten ausgefallenen Unternehmungen verdonnert. Nicht einmal zusätzliches Licht wird in der Wohnung in einem St. Galler Mehrfamilienhaus gesetzt; vielleicht, dass ein-, zweimal aus dem Off eine Regieanweisung des Sohns zu hören ist. Insgesamt also das Bild eines friedlichen Lebens ohne grössere Ereignisse, beschwert von zunehmenden gesundheitlichen Problemen der Mutter und erhellt von Momenten wie dem Festessen gegen Schluss, wo der Braten schmort und der Speck und die Würste brutzeln.

Doch das Idyll ist Peter Liechtis Sache nicht, ist es nie gewesen. Und ebenso sehr, wie er «Dokumentarfilmer» ist, ist er eben noch immer auch der Experimentalfilmer der Anfänge. Zu einer Zeit, in der Filme Titel tragen wie «Schönheiten des Alpsteins», darf man vielleicht an «Sommerhügel» erinnern, Liechtis experimentellen Erstling von 1984, eine «Inszenierung der appenzellischen Landschaft in 10 Akten», und natürlich an «Hans im Glück» (2003), die phänomenalen Raucherentwöhnungsmärsche von Zürich in die Geburtsstadt St. Gallen, die der Ostschweiz ihr bisher wohl schönstes filmisches Porträt bescherten. Und wenn wir nun die Mutter in die Waschküche begleiten, so evozieren die aufblasbaren Kleiderbügel, die es zu wilder Orgelmusik im Zeitraffersturm an der Leine schüttelt, vor dem innern Auge unweigerlich Roman Signers Skiliftbügel von «Tauwetter» (1987).

Als «oral history» ist «Vaters Garten» einer der raren filmischen Beiträge zur (Deutsch-)Schweizer Mentalitätsgeschichte. Künstlerisches Ereignis, das ihm im Vergleich mit den gängigen filmischen Elternporträts eine eigene Kategorie zuweist, ist jedoch die zweite Ebene, auf die das Geschehen theatralisch verfremdet gehoben wird. Der Preis für den besten Film, den ihm die Leserjury des Berliner «Tagesspiegels» nach der Uraufführung am diesjährigen Forum des Jungen Films, der «risikofreudigsten Sektion der Berlinale», zusprach, hat genau auch diese ästhetische Dimension honoriert. Kindheitserinnerungen an Aufführungen im Figurentheater haben den Filmemacher die von Puppenspielern geführten Hasen ersinnen lassen – Liechti spricht vom «Angsthasenklima des Kleinbürgertums», das auch ihn geprägt habe.

Kaspers Konvulsionen

Als Angsthase, Hasenfuss, Hasenherz, als einer, der schnell das Hasenpanier ergreift, beackert Meister Lampe zwar ein etwas freudloses semantisches Feld. Er kann es aber auch zum alten Hasen bringen, der scheinbar von nichts weiss und dessen Name dann eben Hase ist. Wenn sich nun zu Beginn des Films schwungvoll ein Vorhang öffnet, sehen wir uns in den Bildern Peter Guyers, der hier die Kamera führte, entrückt in ein traumversponnenes poetisches Universum. Wunderschön, wie etwa in der «realen» Welt ein Flugzeug den Himmel durchmisst und ihm in der nächsten Einstellung einer der Hasen in den Bühnenhimmel nachblickt. Das vorsichtige Schnuppern, das Beben der Nasenflügel bildet unter Kathrin Bosshards und Frauke Jacobis virtuoser Stabführung allerdings nur die eine Hälfte häsischen Charakters. Wenn sie die Arme verschränken, die Hände in den Schoss legen, gerinnen sie geradezu zu Inkarnationen schweizerischer (Selbst-)Zufriedenheit.

Das ist dann der Moment, in dem sich ein Dritter ins Bild katapultiert. Kein Zoomorph, keiner vom Geschlecht der Hasen. Es ist ein Kobold, ein Irrwisch, es ist der Kasper, der sich den kahlen Schädel mit dem darauf festgefrorenen verzweifelten Grinsen rauft, der angesichts dessen, was er so an Selbstgewissheiten in Bezug auf die Rollen von Mann und Frau beziehungsweise die Tröstungen der Religion zu hören bekommt, in wilder Montage zuckend zu heftiger Musik (Dominik Blum, Tamriko Kordzaia, Irina Vardeli, Ensemble Recherche) an der Bühnenrampe tobt. Und auch der Garten wird nochmals zur Metapher. Wenn eine einzelne Zypresse einmal grün vor gelbrotem Herbstwald steht wie ein von Magritte gemalter Einbruch des Unerklärlichen, wenn sie als gefrorene grüne Flamme ins Weiss der Winterlandschaft lodert, scheint sich jenseits alles Gepützelten unversehens eine unheimliche andere Wirklichkeit zu öffnen.

Christoph Egger, NZZ, 27. September 2013


Christoph Schneider

Die sture Würde des Bünzli

Fürchterlich liebenswürdig: Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti («Signers Koffer») lässt in seinem Dokumentarfilm «Vaters Garten» die eigenen Eltern von sich erzählen.

Fassen wir zusammen. So alt, kahl und klug einer wird: Solange man Eltern hat, bleibt man ein Kind, ein liebendes im besten Fall, ein hassendes im schlimmsten oder etwas dazwischen, auch das soll vorkommen. Bei allem, was man tut, geht es doch nur um das eine: den Stolz des Vaters und das Leuchten in Mutters Augen. Und hat man es erreicht, ist es vielleicht auch wieder nicht recht, denn es erinnert einen an dieses Kindsein, das nicht endet, und das kann genierlich werden und ein Erwachsenenleben belasten.

Im Schweizer Kino ist das allein in diesem Jahr so oft ein dramatisches Grundmotiv und psychologisches Fundament gewesen - in Marcel Gislers «Rosie », in Bettina Oberlis «Lovely Louise» und jetzt im Dokumentarfilm «Vaters Garten» von Peter Liechti -, dass einem dazu schon fast nichts mehr einfällt als: So ist es halt, und wie es ist in seinem Kreislauf, ist es menschlich, bitterzart und fürchterlich; wobei man doch immer bedenken sollte, dass nicht mehr die Hebamme dran schuld ist, wenn man dann einmal stirbt.

Jedes Wort ein Haken

Unter den Filmen vom Glück und Elend familiärer Verhältnisse ist «Vaters Garten» der, welcher am schmerzlichsten ans Lebendige geht. Er ist der berührendste in seiner Unsentimentalität. Der fürchterlichste in seiner Liebenswürdigkeit. Der genauste in seiner Ambivalenz. Das ist, weil der Autor Peter Liechti, Jahrgang 1951, sich selbst an die lebendige, lang beiseitegelegte Kindlichkeit ging und den eigenen Eltern an ein Elterntum, von dem sie glaubten, sie hätten es überstanden, so wie ihre Liebe all die Lieblosigkeiten überstanden hat, die im Lauf von 63 Jahren Ehe so zusammenkommen.

Ein Sohn hört seinen Eltern zu und bekommt viel zu hören. Es sei nicht leicht gewesen mit ihm, viel schwierige' als mit Ursi, der Schwester, sagt die Mutter. Keine Harmonie. Immer nur Widerworte, gegen die sie sich nicht habe wehren können, und jedes ihrer Worte ein Haken, an dem er sie aufgehängt habe. Wirklich, sie hätte sich oft einen «einfacher denkenden» Buben gewünscht.

Nein, leicht wars nicht, gibt der Vater zu verstehen, nicht für einen, dem es nicht wohl ist, wenn keine Ordnung ist wie in seinem Schrebergarten, wo die Tomatenstecken gewaschen und etikettiert werden und die Erdbeeren ausgerichtet nach der Schnur wachsen. Und wenn er, der Peter, dann gekommen sei mit langen Haaren und zerrissenen Jeans, dann habe man sich also schon geschämt und sich gefragt, ob man eigentlich alles falsch gemacht habe.

Aber leicht wird es eben auch für Peter Liechti nicht gewesen sein, vermutlich, der hineinwuchs in rebellischere Zeiten und darin die Eltern verlor und gewissermassen abhängte für lange Jahre, nicht im Streit, sondern weil Vater und Mutter auch nicht anders konnten als zu sein, wie sie waren: die Kinder ihrer Eltern und ihrer Zeit.

Das ist die Ausgangslage und bereits eine gescheite Erkenntnis in «Vaters Garten ». Der Film ist ein Werk der Reife und der Versöhnlichkeit. Man könnte sagen, Liechti sei ganz unkriegerisch ins System eines wertefesten Bünzlitums gedrungen, das auch in ihm hockt und in uns: als Gefahr, als Möglichkeit, als Nostalgie. Und deshalb ist er nun viel weiter gekommen als bis zum Porträt des Vaters, dieses lebensfrohen, hartnäckigen Rechthabers, der seinen Garten diszipliniert und seine Frau, der er es immer noch nachträgt, dass sie sich die AHV auf ein eigenes Konto überweisen lässt (es fallen ihm da ein paar Schikänchen ein, dass einen schaudert). Viel weiter auch als bis zum Porträt der Mutter, einer schwermütigen, frommen Frau, deren Hoffnungen sich im Glauben aufgelöst haben und deren Liebe mit einem Schrebergarten konkurriert. Nämlich bis zum beständigen und überständigen Charakter einer Generation mit ihrer sturen Würde. Im Grunde, scheints, ist Peter Liechti aber zu sich selbst gelangt.

Aus Eltern werden Hasen

Damit es gelingen konnte, schuf ein erwachsenes Kind sich künstlerisch die nötige Distanz. In entscheidenden Momenten der Nähe verlässt der Film die alltägliche Realität der Liechtis und geht über in ein Puppenspiel (mit den Stimmen von Nikola Weisse, Horst Warning und Stefan Kurt). Dort werden aus Eltern braune Hasen, Fluchttiere mit Hemd und Küchenschürze, und Peter, der Sohn, und Liechti, der Filmautor, treten als schmerzgrinsende Marionette aus ihrer respektvollen Zurückhaltung und schlagen ihren Holzkopf auf den Holzboden Familie. Da nun, in Hochdeutsch gehaltenen Originalzitaten und einmal in einem wunderbaren Robert-Walser-Gedicht, konzentrieren sich die Hakenschläge eines Familienlebens, die Skurrilität des Beständigen und das Wehmütige und Schmerzhafte einer langen Liebesgeschichte, in der die Liebenden von sich sagen, sie hätten in all den Jahren in gar nichts zusammengepasst.

Mit dem Kopf gegen die Mauer

Nicht alle Fremdheit wurde überwunden, wir reden hier nicht von filmischer Versöhnungsmagie. Peter Liechti, der schwierige Sohn, ist auch im übertragenen Sinn manchmal mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt. Sie hoffe, sagt die fromme Mutter einmal, das Beten verhelfe ihr zu einer kleinen Wohnung im Haus des Herrn. Wo er lande ihrer Meinung nach, fragt der Sohn, und die Mutter zögert lang. Sie bete halt darum, dass er auch ins Paradies dürfe, sagt sie dann. Und die Schwester, die Ursi, die zu Besuch gekommen ist und noch besser als die Mutter weiss, wo Gott und der Teufel hocken, sagt gar nichts. Solche Abgründe überspringt einer auch mit dem feinsten Film nicht, wahrscheinlich.

Tages-Anzeiger, Zürich, 26.9. 2013


Ein Film, der die Generationen vereint

Der Leserjury-Preis des Berliner TAGESSPIEGEL für den besten Film im Forum 2013 ("Publikumspreis") geht an Peter Liechti
 
Seine Eltern hätten ihn gewarnt, sagt Peter Liechti bei der Preisverleihung der unabhängigen Jurys am Samstagmittag in der Saarländischen Landesvertretung. Wenn er einen Film über sie drehe, das wolle doch bestimmt keiner sehen. Der 61-jährige Schweizer Regisseur ist froh, dass die beiden sich irrten: Sein Dokumentarfilm «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern» hat den Preis der Tagesspiegel-Leserjury gewonnen. «Das ist ein Publikumspreis», freut er sich – und nimmt sich nach der Verleihung Zeit für deren neugierige Fragen und ein angeregtes Gespräch.

Aber die Jury einigte sich schnell: «Wir alle haben Eltern oder Großeltern», so das einhellige Argument nach nur einer Stunde leidenschaftlicher Debatte. «Vaters Garten» überzeugte Gudrun Ebert, Andreas Fricke, Jutta Kommnick, Petra Luber, Frank Münschke, Klara Otte, Thomas Prommersberger, Claudia Schneider und Viktoria Strom durch seine «Ehrlichkeit», wie sie in der Begründung schreiben: «Durch den Spagat zwischen zärtlichem Porträt und der gleichzeitigen Offenbarung der eigenen Verletzlichkeit. Der Filmemacher führt die Eltern nicht vor, er lässt uns tief in ihr Leben blicken. Die Puppenfiguren sind dabei ein gelungener Kunstgriff zur Abstraktion. ,Vaters Garten’ wirft Fragen auf, die uns alle bewegen.»

Die Puppenfiguren: Liechti sucht in seinem Doppelporträt nicht nur seine gegensätzlichen Eltern mit der Kamera auf, den peniblen Vater, der akkurat den Garten pflegt, und die gläubige Mutter, die sich ihrem Mann meist unterordnet. Er stellt auch mit zwei Hasenpuppen deren Konflikte und Spannungen nach. Will herausfinden, was die Eltern verbindet, was sie trennt und warum sie seit 62 Jahren offenbar glücklich verheiratet sind.

Der Schweizer Filmemacher hat sich mit seinen Filmen einen Namen gemacht. Mal begleiten sie einen Raucher auf seiner Entziehungstour von Zürich nach St. Gallen («Hans im Glück – Drei Versuche, das Rauchen loszuwerden», 2003), mal ein Musikensemble auf einer Tournee durch Namibia («Namibia Crossings», 2004). Mit «Marthas Garten» legte er 1997 ein schwarz-weißes Winter-Liebesdrama vor, sein Essayfilm «Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie» von 2009 basiert auf einer Novelle von Shimada Masahiko.

Nantke Garrelts, Tagesspiegel, 16.2.2013


Bis ins Groteske

Daß die Familie als solche fast nur als Kaspertheater glaubhaft darstellbar ist, wird jedem einleuchten. Darin steckt aber mehr als ein abgehalftertes Witzchen: die Tatsache, daß wir alle an unsere Rollen gebunden und ferngelenkt sind, etwas Klamauk und, ja, großes Drama.

In «Vaters Garten. Die Liebe meiner Eltern» läßt Peter Liechti, einer der wichtigsten und eigensinnigsten Dokfilm-Regisseure der Gegenwart, neben Alltagsbeobachtungen und Gesprächssituationen mit seinen Eltern zwei Hasen auf einer Puppenbühne auftreten. Wofür sie stehen, zeigt die Tatsache, daß er im ordentlich gebügelten Hemd, sie mit Schürze erscheint. Die Realität muß gebrochen oder verfremdet werden, damit man sie versteht. Das gilt auch für die Tonebene: Die Hasen treten mit der erzählenden Instanz in einen Dialog, der deutlich auf Gesprächsprotokollen beruht, hier aber von hochdeutschen Sprechern – im Gegensatz zum tiefsten Schweizerdeutsch der O-Töne – und eher emotionslos dargeboten wird.

Mittels solcher geschickt gesetzter Verunsicherungen wird immer wieder an dem gekratzt, was man über diese Generation der Eltern zu wissen glaubt und was die Protagonisten durch ihre Handlungen denn auch beständig zu reproduzieren scheinen: diese Welt der Kleingärtner, die ihre Wege ordentlich harken und große Emotionen nur bei der Ernte eines großen Kohlkopfs oder beim Steuern eines Rasenmähers zeigen, die täglich Punkt zwölf Mittag essen, einmal in der Woche Karten spielen, Feminismus für eine Erfindung Alice Schwarzers halten und die immer, immer Recht haben. Die Frauen bügeln unentwegt Hemden oder kochen und halten sich ansonsten zurück. Man ist seit 62 Jahren verheiratet, weil man verheiratet ist. Basta.

Hinter diesem Bekannten aber findet Liechti zwei einsame Menschen mit ihren Traumata. In einem fast wahnhaften Glauben und bis ins Groteske durchritualisierten Alltag sieht er die tief sitzenden Ängste einer Generation, die von der Geschichte schon mehrfach überholt worden ist, aber als lebender Anachronismus standhaft weiter Bohnen schnippelt. Und Liechti gelingt ein Wunder: Er zeigt, daß da, wo keine gemeinsame Sprache mehr ist und vielleicht nie war – zwischen den Eltern ebenso wie zwischen ihnen und ihren Kindern – dennoch Liebe sein kann.

Grit Lemke, Junge Welt, 16.2.2013


«Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern» lautet der Titel des neuen Films von Peter Liechti und lädt in seiner Männerdominanz zum Rätseln: Da hat der Schweizer, der schon in seinem Rauchentzugs-Movie «Hans im Glück» im ganz Privaten lotete, doch tatsächlich seine Eltern vor die Kamera gebeten. Die können/konnten es kaum glauben. Haben aber dem Sohn, der in seiner Jugend mit zerrissenen Jeans und langem Haar die Jugendrevolte in die kleinbürgerliche Elternstube trug und für familiäre Strapazen sorgte, offen Rede und Antwort gestanden. So ist das Protokoll einer Ehe entstanden, die zwei Menschen, welche, wie die Mutter meint, «geistig und körperlich überhaupt nicht zusammenpassen», über 60 Jahre gemeinsam durchs Leben führte. Sie sei mental die Stärkere, sagt die Mutter in Liechtis Film unverblümt, und dies, obwohl der Vater bis heute überzeugt ist, dass die Frau dem Manne ... Als Marionetten-Hasen lässt Liechti seine Eltern bisweilen auftreten und bringt dabei sich selber als Puppe ins Spiel: Einen mutigen, berührenden, radikal ehrlichen Film hat Peter Liechti gedreht und mit diesem im 43. Berlinale- Forum Uraufführung gefeiert. Peter Liechtis Mutter ist, gerade im Arrangement mit ihrem dominanten Mann, eine starke und kluge Frau. [...]

Irene Genhart, Der Landbote 14.2.2013


«Ich entdeckte meinen Vater per Zufall auf der Strasse.» So beginnt Peter Liechtis Film über seine Eltern, nachdem er viele Jahre keinen Kontakt zu ihnen hatte. Sie trafen sich zufällig in der Heimatstadt St. Gallen.

So entstand in zwei Jahren und zwanzig Gesprächen der Film «Vaters Garten»: geplant als «Familientribunal», wie es der Regisseur nennt, aus dem dann aber ein Porträt über die Eltern wurde - verbunden mit einem kleinen Stück Aussöhnung. Zwischen zwei Generationen, zwei Zeitepochen. Ein Film, der nichtsdestotrotz weniger vom Verhältnis Sohn/Eltern handelt als vielmehr von Max und Hedy, ihrer Beziehung, der Zeit, in der sie gross wurden, eine Familie gründeten - und dem Heute: dem Alter, der Nähe zum Tod. «Die Liebe meiner Eltern» heisst denn auch der mehrdeutige Untertitel des Films.

«Was für eine Frage»

Der vielfach preisgekrönte Regisseur («Signers Koffer», «The Sound of Insects») entblättert behutsam, aber direkt mit seinen Fragen aus dem Off die Persönlichkeiten hinter Vater und Mutter. «Um Himmels willen, was für eine Frage», meint Hedy zu Beginn des Gesprächs - entzieht sich aber keiner noch so persönlichen Fragestellung. Max und Hedy- ein typisches Paar für die Schweiz jener Zeit, rechtschaffen-kleinbürgerlich halt, unauffällig. Der Film zeigt sie in ihrem Alltag, zu Hause, beim Einkaufen, beim Arzt, im Garten. Lässt ihr Leben im Gespräch Revue passieren - anrührend nah.

Die Schrebergarten-Welt Heute besteht die Welt des Vaters, der bald 90 wird, in erster Linie aus seinem Schrebergarten: seinen Himbeeren, den Osterglocken, den Buschbohnen, den Tomaten. Dann sind da noch die Vereine, das Turnen, das Kegeln und die Kollegen. Die Welt der Mutter ist eher klein: Sie hat kaum Freundinnen. Ihr Universum ist die Bibel - ihre Hoffnung, das Eingehen ins himmlische Paradies. Max und Hedy: einsam zu zweit. Und das seit langem.

Die Spannungen zwischen Sohn und Eltern, wo jeder Besuch ein Konfliktherd war, gehören der Vergangenheit an: Man entfernte sich voneinander, brach den Kontakt ab und umging so die ewigen Streitereien. Der Vater mit seiner patriarchal-konservativen Haltung lässt bis heute kaum eine andere Meinung gelten. Die Mutter hat sich angepasst, bezahlt dies aber mit gedämpfter Lebensfreude. Dass dem Regisseur in seinem Film die so heikle Gratwanderung einer einfühlsamen Annäherung gelingt, ist dem trotz allem grossen Vertrauen zwischen den Parteien zu verdanken - sowie einem Kunstgriff: Liechti durchbricht die dokumentarischen Bilder mit einem Puppentheater, in dem die Eltern als zwei Plüschhasen auftreten, welche die Fragen des Sohns beantworten.

Heiterer Unterton

Was auf den ersten Blick skurril anmutet, entpuppt sich als wohltuender Verfremdungseffekt: Die Langohr-Figuren verleihen dem Film eine liebevolle Komik und einen heiteren Unterton - lösen die Fragen und Antworten aus dem kleinen Kreis der Familie zu etwas Universellerem. Davon zeugte nicht zuletzt die Reaktion des Berliner Publikums, das den Film begeistert und mit warmem Applaus aufnahm.

Doris Senn, St. Galler Tagblatt, 15.2.2013


Kein Dokumentarfilm war im Rennen um den Bären, dabei gehörten zwei Arbeiten aus diesem Feld zu den besten des Jahrgangs: Nicolas Philiberts «La maison de la Radio» und Peter Liechtis «Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern». [...] Der Schweizer Peter Liechti verzichtet auf Talking Heads, wenn er seine Eltern befragt, und zeigt stattdessen zwei Hasenpuppen, die ihre Aussagen «synchronisieren». Das schafft Distanz zu diesem Paar, von dem sich ein jeder an die konservativen Maximen und Werte des Kleinbürgertums gehalten hat. «Vaters Garten» ist ein Kunststück an Ambivalenz, denn Liechti erhebt sich nicht über seine Eltern, auch wenn er Distanz nicht verhehlt. Vor allem geht es ihm darum, diese zwei Menschen, die er bisher eben nur in ihren Rollen als Vater und Mutter kannte, endlich zu verstehen - wie klar hier dann Ungeheuerlichkeiten ausgesprochen werden, ist ebenso irritierend wie die Beständigkeit, die aus diesem Lebensmodell spricht.

Dominik Kamalzadeh, Der Standard, 18.2.2013)


... Und so wie «Pardé» aus dem Wettbewerb herausragte, so fand sich in den Nebenreihen allerhand Großartiges, angefangen bei Nanouk Leopolds sensibler Coming-out-Verweigerung, «Boven is het still» («It’s all so Quiet»), über Matías Piñeiros Shakespeare-Variation «Viola» bis hin zu Peter Liechtis harter Familienbefragung, «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern».

Cristina Nord, TaZ, 17.2.2013


In «Vaters Garten» erzählt Peter Liechti, wie er als Erwachsener vor seinem Vater stand und plötzlich wusste, dass er sich von seinen Eltern ein Bild machen will. Entstanden ist ein mit archäologischer Genauigkeit festgehaltenes Sittenbild einer aussterbenden Gattung von Eltern. Liechti komponiert dabei den Klang der Bilder, indem er ausgewählte Dialoge seiner Eltern in ein magisches Puppenspiel versetzt, montiert seine zauberhaften Beleuchtungseffekte auch mal zu kleinen Traumtexten. Liechti selber steht dabei nicht hinter der Kamera, nein, er ist die Kamera. Als Sohn, als Bildermacher ist er Teil dieser Welt, die unsere wird.

Die Kamera stellt Fragen und sucht Nähe. Wie offen sie hierbei die Linse hat, zeigt sich, wenn der Skeptiker Liechti seine gläubige Mutter und Schwester fragt, wo er denn ihrer Meinung nach hinkommen werde nach dem Tod. Ins Paradies? Da schweigen beide, schauen sich an, holen Luft, schweigen, schauen. In diesem Augenblick sind plötzlich wir die Kamera und sitzen mitten in Hans Liechti drin.

Hansjörg Betschart, TagesWoche 15.2.2013


Wenn die eigenen Eltern als Hasenpuppen auftreten

Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Aber was, wenn sie Hasen wären? Könnte man so nicht unbeschwerter mit ihnen reden und ihre Störungen leichter ertragen?

Für diese Verfremdung entscheidet sich Peter Liechti in «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern», seiner filmischen Annäherung an die betagten Eltern. Immer wieder treten sie in Gestalt von Hasenpuppen auf, derweil ihre Aussagen von Sprechern vorgelesen werden.

Spiessbürgerlicher Wahnsinn

Der St. Galler Filmemacher hat etliche Male mit den Eltern gesprochen und musste öfter nahe dran gewesen sein, durchzudrehen. Etwa, wenn der Vater wieder gesagt hat, die Frau sei von Natur aus das schwächere Wesen. So nutzt Liechti die Puppen nicht nur als erzählerische Distanzierung vor dem Vertrauten, sondern schützt seine Eltern auch vor sich selber. Der Trick funktioniert wunderbar: Liechti hält fest, wie irr die eigenen Eltern wirken können.

Diese heissen Max und Hedi Liechti, sind seit über 60 Jahren verheiratet und haben einander immer noch gern. Natürlich gibt es Probleme, etwa im Badezimmer: Schon zweimal ist Hedi ausgerutscht, weiterhin fehlt ein Griff. Aber Max wird einen Teufel tun, in eine neue Plättliwand reinzubohren. Das lohne sich jetzt auch nicht mehr, sagt der dickköpfige Max. Er meint damit die Nähe zum Tod.

In diesen Momenten herrscht der spiessbürgerliche Wahnsinn bei den Liechtis. Alles muss seine Ordnung haben: Die Beete in Vaters Schrebergarten sehen aus, als seien sie mit dem Lineal gezogen. Dort im Garten ist der Vater bei sich selbst, während die Mutter seine Hemden bügelt; nicht unglücklich, aber doch mit einem Hang zum Depressiven: Gern wäre sie mehr gereist, nur bleibe der Max eben lieber zu Hause. Hedi findet ihre innere Freiheit in der Frömmigkeit.

Annäherung als Protest

Peter Liechti scheut sich nicht, tragische Dimensionen aufzutun. Sein Film zeigt zwei grundverschiedene Menschen, und man merkt, wie ihnen Liechti nahekommen will, indem er ihnen die Kamera direkt vors Gesicht hält. Aber auch wenn er zarte Momente registriert: Liechti bleibt unsentimental und noch in der Nähe rebellisch. Sowie er es nicht mehr erträgt, legt er die störende Musik von Morton Feldman über die Bilder – als Protest mit den Mitteln des Films.

Da steckt also wieder eine Radikalität in der Form, wie sie Liechti zuletzt mit seinem Filmessay «The Sound of Insects» demonstrierte. Nun aber sucht Liechti einen wahrhaftigen Blickpunkt auf die Eltern und findet ihn in einer Äquidistanz zwischen Vertrautheit und Abstand. Ein Platz, von dem aus er wegstossen kann, was ihm entgegenkommt.

Als der Vater erklärt, in der Stube sei es so dunkel, weil er keine Lampe mit hässlichem Kabel aufhängen wolle, dauert es nicht lange, und der Filmemacher tritt selber als Puppe auf. Aber nicht als Hase, sondern als grinsender Kasper, der seine Stirn vor Wut gegen die Wand schlägt. Eine visuelle Pointe ist das, musikalisch montiert. An der Berlinale, wo der Film in der Sektion «Forum» lief, wurde herzhaft gelacht.

Pascal Blum, az Aargauer Zeitung, 13.2.2013


Zärtliche Doku: «Vaters Garten»

Die erste Frage ist gleich die schwerste: «Und, würdest du dir noch mal einen Sohn wählen, wie ich einer bin?» – «Vielleicht einen einfacher denkenden», antwortet die Mutter. Denn der 1951 geborene Filmemacher Peter Liechti war schon in der Jugend rebellisch gesinnt und hatte sich früh aufgelehnt gegen die kleinbürgerlich geordnete Welt der Eltern im schweizerischen Sankt Gallen. Sie leben heute immer noch dort und sind immer noch miteinander verheiratet und dabei doch so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie eine empfindsame Seele, die gegen den Egoismus der Welt anbetet. Er ein geselliger Charmeur, der nur die Kameraden im Sportverein zum Glück braucht.

Und den Garten natürlich, der die peniblen Regeln der Kleingartenverordnung mit Akkuratesse erfüllt. Einen Film über die eigenen Eltern zu drehen, gehört wohl zum Schwersten für einen Regisseur und wird auch nicht leichter, wenn man selbst schon über 60 ist. Doch die Bereitschaft zur Versöhnung wächst – und vielleicht auch der Mut zu radikalen künstlerischen Entscheidungen. Die seien hier nicht verraten. Doch sie runden «Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern» zu einer erstaunlich zärtlichen Annäherung an eine fremd erscheinende Generation.

Silvia Hallensleben, Tagesspiegel, 12.2.2013


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