PETER LIECHTI (1951-2014)
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DEDICATIONS - PETER LIECHTI'S UNFINISHED FILM (2016, Film / Installation / Buch)
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[..] «Ist das Buch eine Muschel, die sorgsam diese letzten Texte – ‹Schreibhäufchen› nennt Liechti sie – umschliesst, so ist die beigelegte DVD die kostbarste Perle. Das 15-minütige Rohschnitt-Fragment dessen, was Liechtis letzter Film, sein Vermächtnis hätte werden sollen.» […] «Das wunderschöne Buch ist komponiert aus dem Spital-Tagebuch Liechtis und aus Filmbildern, aus seinem Drehbuchentwurf und einem Essay seines Freundes, des Filmkritikers Christoph Egger.» [..]

Brigitte Häring, Radio DRS 2


«Es gibt Schlimmeres im Leben, als zu sterben»

Er fehlt: Peter Liechti (1951-2014). In Solothurn wurden nun die nachgelassenen Fragmente zu seinem letzten Film gezeigt.

Man möchte, dass er nie aufhört, und weiss doch: Nach exakt 51 Minuten, so steht es im Programm, wird der Film zu Ende sein. Es ist dann, als ob er ein zweites Mal gestorben wäre, und diesmal wird nichts mehr kommen von ihm, von Peter Liechti.

Aber jetzt sehen wir ihn noch einmal, wie er allein vor der Kamera aus seinem Tagebuch liest und von seinen «zaghaften Versuchen in Demut und Tapferkeit» berichtet. Wie er versucht, ein Held zu sein, «obwohl ich Helden lächerlich finde». Soll man, kann man überhaupt gegen eine Krankheit kämpfen? Noch dazu in geblümter Spitalwäsche? Wir sind im Landhaus in Solothurn, diese gefilmte Lesung aus dem Spitaltagebuch ist der erste Teil der nachgelassenen «Dedications». So hätte Liechtis letztes Werk geheissen, wenn der Krebs ihm die Zeit gelassen hätte, es zu vollenden.

Als er am 4. April 2014 stirbt, hat er einen Rohschnitt von fünfzehn Minuten, dazu die Lesung, die der Kameramann Peter Guyer drei Monate zuvor in Liechtis Atelier im Appenzell aufgezeichnet hat - und den ganzen Lundus seines privaten Lilmarchivs.

Aus dem Zwischenreich

Was Liechtis Partnerin Jolanda Gsponer jetzt davon zugänglich gemacht hat, ist kein Versuch, die hinterlassenen Fragmente notdürftig zu einem Ganzen zusammenzufügen. Sie nennt es, in prosaischer Untertreibung, eine «Offenlegung des Materials».

Doch schon die gefilmte Lesung ist mehr als das: nicht eins zu eins, sondern von einem Monitor abgefilmt, wie als mediales Echo. Dazwischen spuken schummrige Super-8-Bilder wie aus einem Zwischenreich, dräuend und von ominöser Schönheit. Und auf der Tonspur lässt Liechtis langjähriger Weggefährte Norbert Möslang die elektronischen Insekten summen. Herzstück von «Dedications» ist eine Videoinstallation von Yves Netzhammer, der das Rohmaterial seines Künstlerfreunds auf drei Leinwänden arrangiert hat und es so dem Publikum überlässt, die Einzelteile im eigenen Kopf zu montieren.

Der dritte Teil ist ein Filmlesebuch auf der Grundlage von Liechtis Tagebuch und Filmstills aus seinem Archiv. Dem Buch beigelegt ist eine DVD mit dem Rohschnitt der ersten Minuten von «Dedications». Hier ist zu erahnen, was Liechti vorschwebte: ein filmischer Gedankenstrom, «flackernd, rauschhaft, prall und verblassend», unterbrochen von Impressionen aus dem Krankenhaus. So steht es in der Drehvorlage, die im Buch abgedruckt ist.

Verglühen im Weltall

Schonungslos gegen sich selbst, stoisch auch in der Selbstironie: So wirkt Liechti in der Lesung. Wie ein weltlicher Mönch, der seine Religion schwinden sieht, also das Leben, die Kunst. Er schimpft auf die Sonne, als sie draussen durch die Wolken bricht: «Wie sie mich langweilt mit ihrer öden Dramatik!» Wettert gegen geschlossene Fenster und jene, die immer gleich über Durchzug klagen (was man auch als Sinnbild für die Schweiz lesen darf). Fragt sich, ob er lieber in Zürich oder in der Ostschweiz sterben möchte, und kommt zum Schluss: «Am liebsten wär mir das Weltall, verglühen in einer explodierenden Raumsonde - ein exklusiver Todeswunsch, ist mir auch etwas peinlich.»

Und wie man ihm so zuhört in seiner hyperreflektierten Verletzlichkeit, wird einem auch wieder bewusst: dass der Filmemacher Liechti, ohne dass er sich aufs Schreiben viel eingebildet hätte, unbedingt auch als Literat gewürdigt gehört. «Es gibt Schlimmeres im Leben, als zu sterben», schreibt er einmal in sein Tagebuch. Ein tröstlicher Satz oder bloss ironischer Trotz? Später tastet sich Liechti zur Gewissheit, dass ihm für etwas Neues die Kraft fehlt: «Ein schleichendes Aufhören hat angefangen; das Anfangen selbst hat irgendwie aufgehört.»

Und dann hat auch das Aufhören aufgehört. Aber dazu haben wir Filme und Bücher: damit wir gegen den Fluch der Endlichkeit immer wieder von vorn anfangen können.

Florian Keller, WOZ, 28.1.2016


Dedications: Das Leiden wegfilmen

Selbst schwerkrank drehte und schrieb der grosse Essayist Peter Liechti (1951-2014) weiter. Nun erscheint mit «Dedications» seine Huldigung ans Leben – in Wort und Bild.

«Gönne mir etwas Selbstmitleid», schreibt Peter Liechti in sein Tagebuch. Er liegt im Zürcher Triemlispital, die Diagnose ist schlecht, der Körper schwach. Allein durch das Aufzeichnen dieses Satzes für die Öffentlichkeit bricht Liechti freilich dieses Selbstmitleid. Bis zuletzt, bis Anfang 2014, hinterfragt er sich und die Welt um ihn herum, wie nur er es kann. Aus dem Persönlichen schöpft er Allgemeines. Sein letzter vollendeter Film, «Vaters Garten», spiegelt in den Interviews mit seinen Eltern nicht nur deren Generation, sondern auch Liechtis eigene. Nun folgt ein Vermächtnis: die Publikation «Dedications», ein Buch mit Texten und Filmstills von Liechti sowie dem 15-minütigen Fragment eines «möglichen Filmanfangs» auf DVD.

«Die Unterscheidung zwischen persönlich und privat war ihm immer wichtig», sagt Liechtis Partnerin Jolanda Gsponer im Gespräch, «das Private hatte keinen Platz im Film.» Der persönliche Zugang aber erlaubte Liechti einen weiten Blick, immer kritisch mit sich und anderen, manchmal sarkastisch, oft liebevoll. Gsponer suchte Bilder und ergänzende Notizen aus; das Spitaltagebuch und das Rohschnittfragment sind so, wie sie Liechti bei seinem Tod am 4. April 2014 hinterlassen hatte. «Er hat mit unglaublicher Willensstärke bis zuletzt am Rohschnitt gearbeitet», sagt Gsponer.

Abbild des Abbildes

Liechti hat sein Spitaltagebuch bewusst für ein Publikum verfasst und es integral vor der Kamera vorgelesen. Nun sieht man ihn also, auf dem Filmfragment «Dedications», wie er über das Nichts reflektiert. Oder über nichts? Er würde sich am liebsten, so steht es am Anfang des Buches, so sagt er zu Beginn des Films, ein Jahr lang «mit NICHTS» befassen, und versucht darauf, «das NICHTS zu erfassen». Die Zweideutigkeit lässt uns nochmals den spielerischen Ernst erleben, mit dem sich Peter Liechti dem Leben widmete.

Wie wichtig Liechti neben dem Inhalt die Form seiner Werke war, spiegelt sich in den Aufnahmen der Lesung: Wir sehen Liechti auf einem abgefilmten Monitor. Das Bildschirmraster bricht die Sterilität der digitalen Aufnahmen; zugleich sehen wir nur ein Abbild des Abbildes – während Liechti Persönliches preisgibt, entfernt er sich von uns. Diese Aufnahmen wechseln sich ab mit Szenen aus dem Triemlispital, im kalten Neonlicht gefilmt, und mit Super-8- und Recherchebildern sowie Aufnahmen aus seinem Filmarchiv.

Bevor sein Sterben begann, hatte Liechti «Dedications» als Trilogie über seine grössten Einflüsse geplant. Stellvertreter für die Malerei sollte Vincent van Gogh sein, für die Literatur Robert Walser, dessen Gedicht «Welt» in «Dedications» gedruckt steht. Den dritten Teil wollte Liechti «dem unbekannten Dinka-Häuptling» widmen. Ihn hatte er 1999 im heutigen Südsudan kennengelernt, wo Peter Liechti eine Mission der Médecins sans frontières begleitete. «Die Zeit im Buschspital sollten die eindrücklichsten drei Wochen meines Lebens werden», können wir nun nachlesen. Und im Film sehen, wie der Dinka-Häuptling die Hoffnung in Liechtis Kamera setzt: «Ich denke, du wirst das Leiden wegfilmen», sagt er.

Drehen als Heilung – diese Hoffnung sollte sich für Liechti leider nicht erfüllen. Doch er fügte Aufnahmen seines unvollendeten Projekts im Südsudan ein, unterlegt von seinen tieftraurigen bis luftig-leichten Gedanken.

Indem diese auch in gedruckter Form erscheinen, wird Peter Liechtis schriftstellerisches Talent manifest, das sich bereits in seinen Publikationen «Lauftext» und «Klartext» (beide bei Vexer) zeigte. Auch in seinen Filmen erhielten Texte – oft aus dem Off von Liechti selbst vorgetragen – grosses Gewicht. «Schreiben war ihm ebenso wichtig wie Bild, Musik und Ton», sagt Jolanda Gsponer. Nun können wir dank dem Buch bei seinen letzten Ausführungen verweilen, sie mehrmals lesen und in Bezug setzen zu den von Gsponer sorgfältig ausgewählten Filmstills.

Blick geschärft

In «kleinen Schreibhäufchen» schafft Peter Liechti überraschende Bilder, so wenn er vom «Flipperkasten der Zivilisation» spricht. Dabei nimmt er seine Krankheit ernst und fasst die Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und Verzweiflung in Worte. Nach der Diagnose schreibt er: «Jede Möglichkeit zur Flucht in lindernde Ironie oder zumindest etwas Sarkasmus ist mir sofort genommen». Man sieht Liechti seinen Infusionsständer den Spitalgang hinunterschieben. Die Genervtheit über den röchelnden, rasselnden Zimmergenossen erkennt jeder wieder, der schon unfreiwillig WG-Gspänli im Spital hatte. Das Filmfragment endet mit einem Wunsch, der Peter Liechti nicht erfüllt wurde. «Ich möchte wieder die Führung übernehmen, mein eigenes Leben führen, Pläne schmieden», sagt er da. Welch grossen Verlust Peter Liechtis Tod auch für sein Publikum war, unterstreicht sein Vermächtnis, diese Ode ans Leben, die uns benommen macht und zugleich den Blick schärft für unsere Umgebung.

Flavia Giorgetta, NZZ am Sonntag, 24.01.2016


Stimmen aus dem Jenseits

Die Solothurner Filmtage kreisen heuer vor allem um Fragen des Daseins und Jenseits - am eindrücklichsten im Filmfragment des 2014 verstorbenen Peter Liechti, das seine Weggefährten montiert haben und das jetzt präsentiert wurde.

[...] Unerbittlichkeit gegenüber sich selber, grimmiger Humor und dazu eine schneidend genaue sprachliche Brillanz kennzeichnen den Protagonisten des halblangen Films «Dedications» des 2014 verstorbenen Peter Liechti. In dem 50-minütigen Film, in dessen Zentrum der Regisseur selber steht, stellt er anlässlich der Diagnose seiner unheilbaren Erkrankung lapidar fest: «Das Urteil scheint gefällt, doch der Prozess hat erst begonnen.» Das Werk bietet nur eine ungefähre Annäherung an das, was Peter Liechtis Film hätte sein können montiert wurde es von Peter Liechtis engsten Weggefährten und Mitarbeitern. Dabei scheint Liechtis Universum, erinnernd an zwei seiner herausragendsten Filme, «Hans im Glück» und «Sound of Insects», in «Dedications» assoziativ immer wieder kurz hervorzutreten - um dann wieder den Regisseur zu zeigen, der aus seinen Tagebüchern liest. Diese Szenen schaffen eine seltsame Mischung zwischen bisweilen schmerzlicher Nähe und einer Distanz, die einen Mann zu zeigen scheint, der bereits aus einer anderen Welt in die Kamera spricht. Seine grosse Liebe aber sei die Super-8-Kamera gewesen, und damit habe er immer wieder Bilder von ungreifbarer Ferne und Nähe gefunden, sagte einer seiner engsten Freunde, Christoph Egger, früherer NZZ-Filmredaktor, am Sonntagnachmittag auf der Bühne im Solothurner Landhaus und betonte, wie stolz Liechti 2013 am Festival Visions du reel darauf gewesen sei, dass er als 62-Jähriger für seinen Film «Vaters Garten - Die Liebe meiner Eltern» den Preis für den «innovativsten» Film erhalten habe. Für «Dedications» gilt viel mehr noch das, was der ehemalige Leiter des Festivals, Jean Perret, 2009 anlässlich der Premiere über «Sound of Insects» geschrieben hatte: «Zusammen mit uns möchte Peter Liechti glauben, dass das Kino jene herrlich magische Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten sein kann.»

Geri Krebs, NZZ 26.2.2016 

Peter Liechtis unsentimentale Widmung

Gross ist der Publikumsandrang am Sonntagmittag zu «Dedications», einer dreiteiligen Präsentation, die dem unvollendeten Filmprojekt von Peter Liechti gewidmet ist. Der im April 2014 verstorbene St. Galler Filmemacher hatte eine Filmtrilogie geplant. Das Fortschreiten seiner Krankheit zwang ihn dann aber, das Projekt zu kürzen. Hinterlassen hat er einen 15minütigen Rohschnitt, ein Spitaltagebuch, zahlreiche Notizen und Filmmaterial. Bis kurz vor seinem Tod habe er am Film gearbeitet. Die «Dedications» («Widmungen») sollen «eine Art Annäherung daran sein, was dieses Werk hätte sein können». Jolanda Gsponer, Liechtis Partnerin, hat sich mit dem ehemaligen Filmteam überlegt, «wie man mit dem Vermächtnis umgehen kann, ohne die Autorenschaft zu manipulieren», wie sie sagt. Das Resultat sind ein 50minütiger Film, eine Filminstallation und ein Buch. Der Film «Dedications - die Lesung» entstand im Januar 2014 im Atelierhaus Birli in Wald AR. Peter Liechti sitzt am Arbeitstisch, in der Hand die Textblätter, im Rücken die Fenster mit dem unklaren Blick in die Landschaft. Die fixen Einstellungen setzen ein, bevor er aus seinem Spitaltagebuch zu lesen beginnt; er rückt den Stuhl zurecht, ordnet das Papier, blickt kurz auf, direkt in die Kamera. Oft auch, wenn der Text endet.

Scharfe Gedankengänge

Man sucht ihn richtig, den Blick in die wachen Augen von Peter Liechti. Als ob solche Fixierung ihn festhalten könnte. Vielleicht so, wie der Filmemacher in den Spitaltexten etwas festhält. Ein «Etwas rund um das Nichts», wie er einleitend sagt. Liechti ist bekanntlich ein bestechend präziser Autor; wie zuvor in seinen im Vexer-Verlag erschienenen Büchern «Lauftext» und «Klartext» ist er ein scharf analysierender Beobachter. Nicht bloss seiner Umwelt, auch seiner selbst. Es geht in diesen Texten um das Sterben, den Tod, um existenzielle Fragen. Nie kommt Sentimentalität oder Selbstmitleid auf. Das Liechti’sche Gegengift waren da stets Ironie und Sarkasmus.

Die gibt es ebenso hier zu hören - und im schönen Buch zu lesen, das im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen ist. Scharfe Gedankengänge, die das Solothurner Publikum, darunter zahlreiche Ostschweizer, mehrmals lachen lassen - und die über das Ich hinausreichen. Als es ihm einmal hintereinander aufs Papier geraten ist, dieses «ich», reflektiert Peter Liechti darüber unbarmherzig: eine «spontane Verdoppelung meines Selbst, das nach dem gestrigen Befund so klein geworden ist, dass es eine schriftliche Vervielfachung braucht, um überhaupt noch bestehen zu können...».

Die Filmlesung ist unterbrochen mit visuellen Einschüben. Einerseits grobkörnig rieselnde, chimärenhafte Super-8-Bilder in Schwarzweiss, wie man sie aus «The Sound of Insects» kennt; Norbert Möslang gibt ihnen wieder einen flirrend-elektronischen Soundtrack. Anderseits nüchterne Aufnahmen aus dem Zürcher Stadtspital Triemli. Einmal geht Liechti mit einem Infusionsständer den Flur entlang.

Weitere Spitalszenen und Schwarweissbilder formen zusammen mit dem Rohmaterial, das der Filmer 1999 auf einer Reise in den Südsudan sowie bei Recherchereisen drehte, den Stoff für die Installation von Yves Netzhammer. Das Bildmaterial illustriert zudem das Buch. Die Installation auf drei Leinwänden wird nach Solothurn ans Filmfestival Rotterdam und weitere Festivals reisen. Bereits vom 31. März an wird sie in St. Gallen, im Kulturraum des Kantons im Klosterhof, zu erleben sein. Die dreiwöchige Präsentation wird dann von einem Rahmenprogramm begleitet.

Andreas Stock, St. Galler Tagblatt, 25.1.2016


Letzte Reisen

Irgendwann notierte der schwer kranke Regisseur Peter Liechti, der nicht sterben wollte, sondern am Ende nur keine Wahl hatte, in einem seiner Spitaltagebücher den Satz: Es gebe Schlimmeres im Leben, als zu sterben. Das erinnert in seiner Seelenruhe an jenen Baselbieter Webstuhlschreiner, der noch etwas weiterging und sagte, gottlob müsse man nicht seiner ganzen Lebtag auf dieser Welt sein.

In beidem steckt ja eine trotzige Ergebenheit, die dem Sterben noch etwas abgewinnt, und Liechtis Satz, nicht ganz so ewigkeitsgläubig wie der des Schreiners, wäre nun Teil seines letzten Films, «Dedications», der aber, wenn er fertig geworden wäre, auch davon handeln würde, dass es Schlimmeres im Leben gibt, als zu leben. Und vielleicht hat Peter Liechti seinen Satz auch nur einfach ironisch dahingesagt in einem eigensinnigen Moment und trotzdem gehofft, nicht sterben zu müssen oder doch nicht so bald, und als er es dann musste, haben es ihm die Ironie und die Hoffnung womöglich leichter gemacht. Es ist ein tröstlicher Gedanke.

Der Film «Dedications» wurde nicht zu Ende gebracht. Es wird ihn nie geben, die Kräfte reichten nur noch für eine Viertelstunde Rohschnitt, zu wenig für eine posthume Rekonstruktion einer erahnten Filmpoesie. Aus Ahnung entstand allerdings ein Projekt (angeregt und geleitet von Jolanda Gsponer, Peter Liechtis Partnerin), das das Unvollendete multimedial vollendet in einer Kombination von Fragmenten: als Installation, in welcher der Künstler Yves Netzhammer Liechtis entworfene Themenstränge (ein verträumtes Flanieren durch Realitäten und Irrealitäten, eine Zeitreise durchs Archiv, die Krankheit und das Spital natürlich, die so viel Leben frassen) auf drei Leinwänden gewissermassen kommunizieren lässt. Als gefilmte Lesung aus dem «Spitaltagebuch», Peter Liechti, allein mit sich und seinen Texten, eine Stimme von jenseits des Grabes jetzt.

Und als Buch, das all diese Texte enthält, dazu Bilder aus dem Assoziationskosmos von «Dedications», auch jene 15 Minuten Rohschnitt beispielsweise, die schon echter Liechti sind, dazu geschriebene Skizzen einer Dramaturgie des Erinnerns und Andeutungen, was da an uns hätte vorbeiziehen sollen und gewiss vorbeigezogen wäre, «flackernd, rauschhaft, prall und verblassend», wie Peter Liechti es geplant hat, und als Vermächtnis, wie wir jetzt wissen.

Reden wir einmal von Texten an diesen Filmtagen. Von diesem Tagebuch eines Kranken. Es ist eine Ganzheit, und es wäre eine Achse gewesen, um die das, was hätte sein sollen, sich gedreht hätte. Jetzt steht es allein, das war so nicht vorgesehen, so wie Liechtis fünfzigminütige Lesung daraus nicht geplant war als derart intimes, konzentriertes Dokument (selten ist der Regisseur in seinen Filmen ja selbst zu sehen, er hielt, auch wenn es ums Persönliche ging, in «Hans im Glück», in «Vaters Garten», vermutlich nichts von so aufdringlichen Signaturen). Aber wir entdecken nun wieder einmal Liechti den Literaten, der er eben auch war. Einen Wortmächtigen angesichts seiner Krankheit, selbst in der Hilflosigkeit.

Immer waren seine Filme auch Genüsse fürs Ohr, immer forderte seine Wortlust von der Wirklichkeit ihren Hintersinn. Hier aber gehen die Worte endgültig ans Lebendige. Nämlich ans Sterbende. Hier ist die Beschreibung einer Katastrophe (denn das war es, da nützte kein Versuch zum heroischen Understatement) in all ihren emotionalen Facetten.

Die heillose Schwärze ist da, an die selbst der Kaffee erinnert, und dann sind es wieder die hellen Momente des Spotts über die «hospitale Nettigkeit» mit ihren ausscheidungsorientierten Requisiten. Und handkehrum: die Wut, das Selbstmitleid, das Entsetzen. Und im Entsetzen, das gegen das Selbstmitleid half, auch die Angst, so scheint es, wenn man Peter Liechti lesen sieht, und wiederum: die kontrollierte Melancholie, als er zur Erkenntnis kam, dass «ein schleichendes Aufhören» angefangen hatte und die Frage nicht mehr lautete: «wann denn?», sondern: «wie lange noch?». «Wir sind die Künstlergeneration, die noch an Lungenkrebs und Leberzirrhose zugrunde geht. Wir sind ein äusserst sentimentaler Jahrgang, und wir leben dadurch weniger lang als unsere jungen eher vernunftorientierten Kolleginnen», schrieb Peter Liechti in seinem zweitletzten, sehr lakonischen Eintrag, da wusste er wohl schon, dass es nicht mehr ging. Das macht noch einmal traurig, aber es ist doch ein Abschied in stacheliger Würde.

Christoph Schneider, Tages-Anzeiger, 23.1.16


Leuchtende «Schreibhäufchen» in düsteren Zeiten

«Meine Texte sind einfache Entscheidungen: Von Zeit zu Zeit spüre ich den Drang, etwas loszuwerden, so einen Druck- fast körperlich-, dem ich nachgeben muss, mich möglichst schnell hinzusetzen und das Geschäft zu verrichten.» Nachdem der Filmemacher Peter Liechti von seiner Krebserkrankung erfahren hatte, begann für ihn eine Zeit voller Ungewissheit und Schmerzen. Das Schreiben, diese «Notdurft», aber auch sein mit letzter Kraft noch vorangetriebenes Filmprojekt waren Halt und schmerzliches Erkennen zugleich. «Dedications», so der Titel des Projekts, ist letzte Hingabe an die Arbeit, an das Leben, aber auch die Einweihung von Aussenstehenden in das, was man fast immer bis zum bitteren Ende verdrängt: die Gedanken ans Sterben.

Der Film sollte die «physische Instabilität, die Überempfindlichkeit, die die Krankheit mit sich bringt» vermitteln. Mit der Verknüpfung von Auszügen aus seinem Spitaltagebuch und Bildern, die das Unheimliche evozieren, wollte Liechti sich dem Ende des Lebens, sich selbst und dem eben noch nicht Erledigten nähern. Entstanden ist bis zu seinem Tod im April 2014 ein fünfzehnminütiger Rohschnitt. Darin besticht die Direktheit Liechtis, der mutig vor die Kamera tritt, gepaart mit beklemmenden Impressionen: geisterhafte Super-8-Aufnahmen, grobe und doch Bände sprechende Recherchebilder aus Schwarzafrika, Streifzüge durch Museen und Landschaften.

Was übrig blieb, hat Liechtis Partnerin Jolanda Gsponer nun sorgfältig und respektvoll zu einem dreiteiligen Vermächtnis zusammengestellt: einer filmischen Lesung, von Liechti in seiner Atelierwohnung gelesen, einer Wander-Installation von Yves Netzhammer und einem Buch mit filmischen Qualitäten. Das Fragmentarische ist allen drei Teilen eigen, und doch überrascht jedes einzelne Werk durch Kohärenz. Die fünfzig Minuten lange Lesung erscheint viel zu kurz. Eine Vertiefung und Erweiterung erfährt sie zum Glück in Buchform.

Schon der Innenumschlag zieht in ein düsteres, unheimliches Universum. Es ist die Reise in die unbekannte Ferne. «Möchte ich lieber in Zürich sterben oder in der Ostschweiz? Ich kann mich nicht entscheiden, beides ist mir zu nah. Am liebsten wär mir das Weltall, verglühen in einer explodierenden Raumsonde – ein exklusiver Todeswunsch, ist mir auch etwas peinlich.» In den undatierten kurzen Texten spiegelt sich das aus den Fugen geratene Zeitgefühl, wenn keine Zeit mehr bleibt. Die Bilder schaffen für die aus dem Entsetzen geborene Klarheit der Worte einen sinnlichen Resonanzraum. Auch hier ein Ineinandergreifen von unvollendeten Projekten: Standbilder von lange zurückliegenden Reisen nach Schwarzafrika und aktuellen Vorarbeiten für Dedications, von Spitalaufnahmen und den in Sepia getauchten Super-8-Bildern. Alles ist skizzenhaft, ohne Legende, ohne Identifizierung, und doch fällt alles durch die «Montage» wie ein Puzzle zusammen. Die in einer fragil-instabilen Schrift gesetzten Texte und die schlicht angeordneten Bilder bilden ein dichtes Geflecht. Liechtis scharfsinnige Kommentare liegen auf einer Folie aus Verzweiflung, Selbstmitleid, Unmut über das Schicksal. «Schreibhäufchen» nennt Liechti diese klugen und ehrlichen Beobachtungen. Und fragt sich: «Wann hört man auf, ein reifer Künstler zu sein, und beginnt, ein alter zu werden?» Liechti bleibt für immer ein reifer Künstler.

Tereza Fischer, Filmbulletin No.2/16



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