PETER LIECHTI (1951-2014)
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GRIMSEL – Ein Augenschein (1990, Documentary/Essay, 3:4, 16mm comopt; DVD, Digi_beta, 48')
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GRIMSEL ist von anfang an als «engagierter» Film konzipiert worden. Die Argumente der Befürworter von GRIMSEL - WEST haben uns eigentlich nie interessiert, Ausgewogenheit überlassen wir gerne «ausgewogeneren» Geistern.
Als dann gleich zu Beginn unserer Dreharbeiten klar wurde, dass das GRIMSELWEST-Projekt im vorgesehenen Ausmass wohl nie zustande kommen wird, hat sich uns kurz die Frage gestellt, ob sich damit auch unser (Film-) Projekt erledigt hätte. Gleichzeitig fühlten wir aber eine grosse Erleichterung: Befreit von militanten, argumentativon Zwängen konnten wir nun unsere Arbeit umso persönlicher wilder" auch - angehen. Die MAUER war zum «Phantom» verblasst; davor hob sich nun umso unvorstellbarer das drängende, komplexe alte Thema ab: Die Nutzung letzter unberührter Landschaften durch den Menschen. Da sind die Wanderer, die Wildhüter, die Künstler, da ist die Wirtschaft und irgendwo dazwischen die Wissenschaft... Nicht als irgendwelche Interessenvertreter, sondern als reflexartige Gegner ahnend, dass dort oben etwas grundsätzlich falsch läuft - wollten wir an Ort und Stelle unsere Intuition auf Stichhaltigkeit prüfen. Wir hofften, durch unsere ausgedehnten Aufenthalte in der Landschaft, durch Gespräche mit Einheimischen und Fachleuten mit der Zeit die richtigen Bilder zu unserem Unwohlsein zu finden. Um weitergehende Einsichten zu gewinnen, konnte es uns als Städter nicht befriedigen, das eigene gebrochene Verhältnis zur Bergweit auszuklammern: Die Ambivalenz zwischen Faszination und Abstossung der gewaltigen Monumente zeitgenössischen Industriebarocks auf der einen Seite und der rauhen, unzugänglichen Natur im «Rohzustand» auf der anderen.

Einen Sommer lang haben wir unser Thema umkreist, haben diese Landschaft begangen, uns eingehört in die wunderbar musikalische und präzise Sprache der Einheimischen - je später dieser Sommer, je kleiner wurde die MAUER, ein lästiges Anhängsel am Schluss... Was wir schliesslich mitgebracht haben verbindet sich keineswegs zu einem runden, geklärten Bild - Eindeutigkeit hätte nie der divergierenden Vielfalt unserer Erfahrungen , unseren wahren Empfindungen entsprochen. Am meisten beeindruckt haben uns dort oben die Kontraste. Gefühle, die wir am ehesten teilen konnten mit der ansässigen Bergbevölkerung: Unbestimmte Zukunftsängste und Melancholie.

Was uns bleiben wird: Verstärkte Solidarität mit dem Widerstand aus eben dieser Bevölkerung und gesteigerter Abscheu vor dem Entgleistsein unserer eigenen Zivilisation.
Peter Liechti, Res Balzli


«Das ist ein Wahnsinns-System auf diesen Gletscher-Moränen - nur schon die Pflanzen: Ein System, das seit Jahrtausenden funktioniert, bis ins letzte Detail hinein, in einer grossartigen Schönheit - das ist nicht einfach ein Dreckhaufen da oben! Was heisst da überhaupt «nutzlos»? Da kommen wir einfach daher und bestimmen, eine Gegend sei nutzlos, ein Land sei wertlos... Mit unserem ökologischen Spatzenhirn sagen wir das! Das wissen wir ja gar nicht, was da alles nützt und was da alles schadet; da wissen wir in der Oekologie noch viel zu wenig. Und mir geht es nicht so sehr darum, alles in nützlich oder schädlich einzuteilen, sondern vielleicht auch wieder einmal darum, etwas Ehrfurcht zu entwickeln vor dieser Schöpfung, vor diesen Lebewesen, die hier oben einfach ihr Lebensrecht wahrnehmen...»
Klaus Ammann


«Berge sind für mich nicht etwas Schönes oder Malerisches - die sind dort einfach, das sind Steinhaufen, die einst aufgestossen oder abgelagert worden sind... Es ist eine Sentimentalität entstanden um die Berge, die ich nicht mag. Sobald man über etwas sentimental wird oder nostalgisch, dann macht man es eben zu einem Kult, und dann ist man nicht mehr ganz verantwortlich dafür. Man sagt: Es ist schön - und dabei ist es unheimlich kompliziert und unheimlich vielfältig und unheimlich gefährlich, und man sagt einfach: Es ist schön. Damit hat man es auf eine Art vermenschlicht und vereinfacht - und mit dem gleichen Geist kann man es nachher zerstören: Nachher ist es halt einfach ein bisschen weniger schön. Und mit dem einfältigen Wort «schön» vermeiden wir es, uns Rechenschaft abzulegen, in welch komplizierten Mechanismus wir da eingreifen, wo wir vermutlich eben nicht eingreifen sollten. Als ob wir sagten, was schön ist! Ich möchte das Wort «schön» sogar ganz aus der Natur herauslassen; Natur ist. Ist undurchschaubar, ist faszinierend, ist grausam, ist... ist einfach!»
Adolf Urweider


«Fernsehen ohne Grimsel-Poesie» Walter Ruggle, Tages Anzeiger, 22-1-1990
Dem Fernsehen würden mehr qualitativ hochstehende freie Dokumentarproduktionen gewiss nicht schaden. Die Verlagerung würde der Tatsache gerecht, dass die Potenz des Deutschschweizer Filmschaffens weniger in der Fiktion als in der Dokumentation liegt. Das Solothurner Programm hat uns dies einmal mehr sehr deutlich vor Augen geführt. Wenn Spannung herrschte in den Sälen, wenn in den Köpfen des Publikums etwas bewegt wurde, dann war ziemlich sicher ein Dokumentarfilm programmiert etwa «Grimsel», bei dem das Fernsehen DRS von einer Beteiligung abgesehen hatte, weil das Projekt ihm keinen ausgewogenen Eindruck machte.

Dabei ist «Grimsel» einer der ganz wichtigen Filme zur Zeit, aktuell, engagiert, mit Sinn fürs Visuelle fotografiert, mit Bewusstsein für eine innere Dramaturgie montiert. Zusammen mit seinem Bieler Produzenten Res Balzli ist der Ostschweizer Peter Liechti («Ausflug ins Gebirge») ins Grimsel-Gebiet aufgebrochen, um zu sehen und zu hören, was uns Mensch und Natur an einem abgeschiedenen Ort zu zeigen und zu sagen haben.

Die beiden waren losgezogen, einen engagierten Film in Sachen Pumpspeicherwerk Grimsel-West zu machen; als sich vorübergehend ein Rückzug dieses Projektes abzeichnete, gaben sie nicht auf, im Gegenteil: Sie fühlten sich von «argumentativen Zwängen» befreit, sie fanden zur beständigeren Poesie.

Der fertige Film macht deutlich, wie wichtig ein freier, offener Entstehungsprozess bei Dokumentarfilmen ist. Liechti hat ein poetisches Filmessay für die Sache der Natur gestaltet, bei dem das Grimsel-Projekt nur noch eine Art Kristallisationskern bildet. Der Filmemacher, der für seine scharfen Sinne und aussagekräftige Montagen bekannt ist, hat vier Personen und sechs Landschaften auf beständige Werte hin befragt.

Seine Bilder sind ganz bewusst alles andere als austauschbare Postkarten. Sie lassen uns die Region von innen heraus erfahren. «Grimsel» erscheint mir als ein dringend notwendiger Film, der dem elektrowirtschaftlichen Rüstungsirrsinn ohne naive Rückkehrromantik so einfache Dinge entgegenzuhalten versteht wie die Flechtenvielfalt auf einem einzigen Felsblock.

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