PETER LIECHTI (1951-2014)
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Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme

Bettina Spoerri

Ein Mann macht sich zu Fuss von Zürich aus in Richtung Ostschweiz auf den Weg, um sich das Rauchen abzugewöhnen. Drei Musiker improvisieren einen Monat lang jeden Tag. Ein Mann hält seinen langsamen Hungertod in einem Tagebuch fest. So könnte man den Inhalt von dreien der neueren Filme von Peter Liechti beschreiben. Drei Expeditionen unter völlig verschiedenen Umständen, denen aber etwas Grundlegendes gemeinsam ist: "Hans im Glück", "Hardcore Chambermusic" und "The Sound of Insects" – so der Titel des zur Zeit in Postproduktion begriffenen Films, der im Winter 2008/09 in die Kinos kommt – lassen sich auf die Situation einer extremen Reduktion ein. Die Parameter, die Spielregeln sind variabel, aber stets klar festgelegt. In "Hans im Glück" bricht der Filmer selbst immer wieder zur selben Wanderung auf, bis der Entzug gelingt. Einer vom Konzept her vergleichbaren Labor-Situation setzt sich das Musikertrio Koch-Schütz-Studer aus, das sich dreissig Tage lang immer wieder im selben Aufführungsraum einfindet, um seinen Improvisationsmarathon fortzusetzen.

Spiel mit der Beschränkung

Den neuesten Film bezeichnet Peter Liechti als "die logische Konsequenz" aus seinen bisherigen Arbeiten, sozusagen als dritten Teil einer losen thematischen Trilogie: Nach dem Verzicht auf das Rauchen und übermässiges Essen geht es nun um den Verzicht auf das Leben überhaupt: "die ultimative Herausforderung". Die Verweigerung als Haltung – einmal als eine leichte, spielerische, dann aber auch todernste gegenüber den Werten einer auf Genuss und Konsum ausgerichteten Gesellschaft – zieht sich als eines der zentralen Themen durch seine Filme. Die Tendenz auf den Nullpunkt hin, sagt Liechti, erlaube ihm die grösste künstlerische Freiheit. Denn gerade die konsequente Begrenzung treibt paradoxerweise bald die üppigsten und gar fidelsten Blüten.

In Peter Liechtis filmischem Werk steht der Prozess im Zentrum. Schon in seinen ersten Kurzfilmen, die ab 1984 entstanden, kreierte er Versuchsanordnungen, wobei ihn nicht die Resultate dieser Experimente, sondern ihr Verlauf und allfällige Überraschungen interessierten. Den Widrigkeiten einer ersten Wanderung setzte er sich beispielsweise, als sein eigenes "Versuchskaninchen", in "Ausflug ins Gebirg" (1986) aus; der Film wurde zu einer essayistischen Auseinandersetzung mit der Bergwelt und ihrer mythischen oder touristischen Verklärung. Denn statt sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen, steigert sich der Ich-Erzähler – der Filmer setzt sich selbst vor seine Kamera – in eine von Überdruss gesättigte und gleichzeitig selbstironisch gebrochene Tirade hinein. Gegen "das Geniessen-Müssen" der Berglandschaft wird da aufbegehrt, das Triumpherlebnis des Gipfelstürmens dekonstruiert, und statt Naturverbundenheit und Heimatgefühlen dominieren Fremdheit und Langeweile: "Der Berg zerstört meine Gedanken, der Berg macht blöd."

Was sich auf der thematischen Oberfläche von Liechtis Filmen zeigt, spiegelt sich in ihrer Ästhetik, ihren Entstehungsbedingungen und dem Produktionsprozess. "Bilder, Sprache und Musik sind bei mir gleichwertige Elemente", sagt er denn auch: Sprache löst sich in Klangmalerei auf, Bilder erzeugen musikalische Rhythmen, Musik wird in bewegte Bilder übersetzt. Das für einen Film ausgewählte Spektrum des Bild- und Tonmaterials steckt einen Rahmen ab, zuweilen kehren aber auch Bilder aus früheren Filmen in neuen Kontexten wieder und erzeugen einen – oft augenzwinkernden – Kommentar auf einer Metaebene.

Liechti dreht und wendet seine Grundthemen und geht mit jedem Film wieder einen Schritt weiter. Einige seiner Filme könnte man als "Roadmovies" bezeichnen, wobei sie dieses Genre auf verschiedene Weise persiflieren. Beispielsweise in ihrer Suche nach der richtigen Reisegeschwindigkeit. Das gemächliche Tempo eines Sessellifts kommt dem Ideal am nächsten: "Das absolut schönste Fortbewegungsmittel", schwärmt Liechti. Er rückt die in regelmässigem Abstand voneinander hinauf und wieder hinunter schwebenden Sessel immer wieder anders ins Film-Bild. Traumhaft irreal wirkt da etwa das menschenleere Transportmittel, das sich scheinbar ziellos im Kreis herum dreht und in den Augen der Betrachter mit allegorischer Bedeutung auflädt. Ein zweites solches Bildmotiv ist der Helikopter, zuweilen von feuerroter Farbe und mit tosendem Rotor. In "Ausflug ins Gebirg" stellt er für den Anti-Wanderer einen Lichtblick in der Öde dar, während er in Liechtis (bisher einzigem) Spielfilm "Marthas Garten" (1997) als bedrohliche Drohne auftritt. Dass ein Helikopter "aus dem Moment heraus abzuheben und beinahe überall zu landen vermag", fasziniert den Filmemacher – und kann als Sinnbild für sein künstlerisches Schaffen stehen, das aus der Reduktion auf einen Kerngedanken und wenigen Quadratmetern heraus arbeitet.

Lange Postproduktionsphase

Hat Peter Liechti das Material für einen Film einmal bestimmt, folgt eine sehr lange Montagephase, die bis zu einem Jahr dauern kann. Dabei geht er das Risiko ein, den unfertigen Film in verschiedenen Stadien der Postproduktion einem ausgewählten Kreis von Leuten zu zeigen, darunter auch anderen Filmemachern. "Meistens habe ich danach eine Woche lang eine Krise", sagt er. "Aufgrund ihrer Reaktionen aber kann ich herausfinden, wo ich mich selbst betrüge, indem ich mir vorgemacht habe, das müsse so sein."

Liechtis Arbeitsweise, die Akribie mit Spiellust vereint, weist eine grosse Affinität zu derjenigen von einigen Künstlern anderer Sparten auf. Diese sind denn auch mittlerweile langjährige Partner bei der Entstehung seiner Filme. Die Aktionen des Künstlers Roman Signer treten bereits in Liechtis ersten Kurzfilmen auf: etwa in "Senkrecht/Waagrecht" (1985) und "Tauwetter" (1987), wenn Signer in eine vereiste Seeoberfläche einbricht oder Löcher in mit Wasser gefüllte Eimer schiesst, die an den Bügeln eines Skilifts hängen. 1995 entstand sodann Liechtis erster langer Essay "Signers Koffer", in dem er seinen Freund zu dessen Aktionsschauplätzen begleitet. Auch mit den Musikern Martin Schütz und Fredy Studer hat Liechti lange vor "Hardcore Chambermusic" zusammengearbeitet, und die Experimente des Klangkünstlers Norbert Möslang prägen nicht nur etwa den Musikfilm "Kick That Habit" (1989), sondern werden auch die Tonspur von "The Sound of Insects" stark beeinflussen.

19. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
 

 

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


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