PETER LIECHTI (1951-2014)
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Kino zum Blättern? Jein!

Von Florian Keller

Zwei Bücher zeigen die Filmemacher Peter Liechti und Fredi Murer von einer neuen Seite. Peter Liechti wird am Samstag mit dem Zürcher Kunstpreis geehrt.

Wer braucht eigentlich Bonusmaterial? Das Wort klingt nach Mehrwert, es verspricht unverhoffte Blicke hinter die Kulissen, aber hinter den Kulissen sieht jedes Filmset gleich aus, und die Interviews mit den Stars klingen vorformatiert. Die Reste, die auf jeder DVD als Bonus verkauft werden, sind meist der Rede nicht wert.

Mehr als solche Restenverwertung haben nun zwei eigenwillige Köpfe des Schweizer Films zu bieten, von denen jeder für sich sein sehr persönliches Bonusmaterial zwischen zwei Buchdeckel gepackt hat: Der Klangforscher und Bildersammler Peter Liechti («Signers Koffer»), der am Samstag mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich geehrt wird, gibt uns seine Logbücher und Marschnotizen zu lesen; und der bodenständige Fantast Fredi Murer («Vitus») besinnt sich zurück auf seinen einstigen Traumberuf und bringt einen dicken Band mit Hunderten von Zeichnungen heraus. Diese Bücher gehen nicht hausieren mit Geplauder aus einer Branche, der sich Liechti und Murer sowieso nicht zugehörig fühlen. Das Kino als «Branche», darauf würden beide allergisch reagieren.

Gerade Liechti, das merkt man beim Lesen sofort, reagiert noch auf vieles allergisch – vor allem aber auf den zwanghaften Alpenfrohsinn der Eidgenossen und die chronische Ungastlichkeit des Schweizer Gastgewerbes. Den Auftakt seines Buchs macht der Monolog aus seinem frühen Kurzfilm «Ausflug ins Gebirg» (1986). Liechtis Litanei aus mehr oder weniger ordinären Flurnamen mündet hier unweigerlich in eine Beschimpfung der Alpen: «Der Berg zerstört meine Gedanken. Der Berg macht blöd.» So schreibt ein weltläufiger Geist, der in der Schweizer Provinz gerade nicht seine Heimat findet – aber eben doch, und das ist nicht wenig, den Boden für seine Kunst.

Berggänger, die vor lauter Aussicht nichts mehr sehen, sind Liechti erst recht suspekt: Nie werde er verstehen, schreibt er, «warum die Leute, kaum sind sie oben angelangt, ihre Nasen so gierig ins Tal hinabstrecken, als hätten sie unten nichts gesehen».

Im winzigen Appenzell dagegen findet er durchaus Gefallen am nostalgischen Theater, das die Einheimischen dort Alltag nennen: «Wie schaffen sie es nur, so zu tun, als wär es immer noch früher, und alle spielen mit?»

Wie stark sich Liechtis filmisches Werk auch aus Texten speist, das wurde zuletzt wieder deutlich in «The Sound of Insects», seinem Protokoll eines freiwilligen Hungertods. Vom Kino liest man denn auch wenig in diesem Buch. Da ist zwar von der künstlerischen Frühvergreisung im Schweizer Film die Rede oder vom Mitgefühl auf Knopfdruck, das Peter Liechti in den meisten Filmen als «obligatorisches Wellnessprogramm» erlebt. Seine künstlerischen Schutzheiligen findet er indes ausserhalb des Kinos, bei der «heimtückischen Harmlosigkeit» eines Robert Walser oder, immer wieder, bei Dieter Roth.

Der geistige Zechpreller

Liechti ist ein Kaffeehausschreiber, der sich dabei selbstironisch als geistiger Zechpreller unterverkauft: «Ich lebe nicht nur über meine Verhältnisse», schreibt er einmal, «ich denke auch über meine Verhältnisse.» Das ist vielleicht kokett, aber jedenfalls tiefgestapelt für ein Buch, das einen Bogen spannt von Dübendorf bis zu den Dinkas in Namibia, vom Marschtagebuch zum Film «Hans im Glück» (2003), für den Liechti zu Fuss auszog, um das Rauchen loszuwerden, bis hin zu seinen Reisenotizen zum Film «Namibia Crossings» (2004).

Sein Nichtraucherfilm ruft dann die Lungenliga auf den Plan, die den Regisseur für seinen Selbstversuch als Gastreferenten einladen will. So, wie Liechti jedoch über diese «aggressive Partei von Saubermenschen» räsoniert, wird er die Einladung ausgeschlagen haben: «Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Raucher gänzlich vertrieben und vernichtet sind, dann muss sich der Herr von der Lungenliga einen neuen Feind suchen, vielleicht an der Front der Hirnliga, und er müsste sich entscheiden, ob er als Soldat bei der Hirnliga nun für oder gegen das Denken kämpft, wenn er die Sache des gesunden Hirns vertritt.»

Gelegentlich geraten Liechtis Notizen zu einer Nabelschau, die sich in Nichtigkeiten verläuft. Immer wieder wartet er dafür mit überraschenden Beobachtungen auf, die selbst dann nichts Verbissenes haben, wenn ihm die ewige Bergfröhlichkeit oder die Selbstbedienung im nächsten Landgasthof wieder einmal die Laune verdirbt. Sogar eine kleine, fast kafkaeske Verwechslungskomödie um zwei Vorgesetzte namens Maurer und Giger oder Geiger und Murer hat sich in diesem Lesebuch versteckt.

Beim richtigen Murer auf dem Buchumschlag schlägt dann einer so die Hände vor dem Gesicht zusammen, dass er wirkt wie ein geflügeltes Fabelwesen. Wenn Fredi Murer in schlichten Strichen die fest gefügte Ordnung zwischen Mensch und Ding auflöst, gelingen ihm surreale, gerne auch frivole Blätter. Die ruppige Karikatur – ein Schafbock mit Blocher-Fratze, der ein schwarzes Schaf stranguliert – ist weniger seine Sache.

Und nach rund 700 Seiten, auf dem letzten Blatt, schreibt eine Hand: «Zu zeichnen ist ein Akt barer Verzweiflung . . .» Indes: Zum Verzweifeln ist allenfalls, dass hier beim Papier gespart wurde. Die Seiten sind so dünn, dass hinter jeder Zeichnung schon die nächste durchschimmert. Der Filmregisseur Murer könnte darin eine Überblendung in Buchform sehen. Für den Zeichner Murer muss es ein Ärgernis sein.

Tages-Anzeiger, 1. Dezember 2010

 

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


Details zum Buch

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