PETER LIECHTI (1951-2014)
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Im Luftschiff mit Peter Liechti

Tania Stöcklin

«Keiner wird mich mehr bremsen, wenn ich erst in Fahrt bin mit meinem ganzen Gewicht, und nichts wird mich mehr dazu bringen, diesen Schub zu unterbrechen.»

Das ist die treffende Beschreibung von Peters eigener Person, fuhr es mir durch den Kopf, als ich diesen Satz aus «Hans im Glück» unter die durch die Ostschweiz brummenden Lastwagen montierte. Peter ist eine Hochleistungsmaschine, die mit ungedrosselter Energie einmalige Werke erzeugt. Vier seiner Filme habe ich geschnitten – «Hans im Glück», «Hardcore Chambermusic», «The Sound of Insects», «Vaters Garten» – und jedes Mal erlebte ich einen Menschen, der losstürmt, leidenschaftlich, kompromisslos, schonungslos. Peter arbeitet mit einem Drang zu Perfektion sowie mit unbedingtem Anspruch auf künstlerische Authentizität. Hinzu gesellen sich Neugierde, Phantasie, die Lust zu ergründen, zu erfinden … Es scheint, der ständige Prozess der Inspiration und Kreation bilde den Nährboden für Peters Existenz. Immer wieder von Neuem begeistert mich sein Humor: abgründig und ironisch, ja, aber nicht schwarz und nicht zynisch, und manchmal mokierend über den eigenen grimmigen Weltschmerz. Berührend ist er, wenn er einher geht mit Traurigkeit und es Peter gelingt, trotzdem wahnsinnig lustig zu bleiben.

Für seine Arbeit geht Peter ständig an Grenzen, auch an seine eigenen: So zum Beispiel unternahm er drei einsame, beschwerliche Fussmärsche von Zürich nach St.Gallen, um sich des Rauchens zu entwöhnen und – als ginge das Eigentliche so nebenher – einen wunderbaren, persönlichen «Heimatfilm» zu realisieren. Oder das immer wiederkehrende Verharren auf einem Flecken Wald, um bei Hitze, Regen sowie Eiseskälte den selbst gewählten Hungertod einer imaginären Figur zu inszenieren. Oder auch ausgiebige Aufenthalte bei seinen betagten Eltern zuhause, um deren Liebe zu ergründen und sich auf ihre eingegrenzte Welt von Ocker, Altrosa und Beige einzulassen, von der er sich vor Jahrzehnten radikal abgewendet hatte.

Als ich Peter kennenlernte, begannen in Zürich gerade die Pflastersteine für eine autonome Jugendkultur zu fliegen. Wir waren beide an der Uni eingeschrieben, er in Kunstgeschichte, ich in Germanistik, er liebte Jazz, ich barocke Dichtkunst. Filme machten wir beide noch nicht. Peter improvisierte auf einem Saxophon, fuhr Auto wie ein Rowdy, kochte gerne deftige Innereien und er hatte sich eben gründlich von der Malerei verabschiedet. Dies zeigte er mir anschaulich: Mehrmals hatte er das gleiche Bild gemalt, genau das gleiche, nur einfach jedes Mal kleiner. Als es überhaupt nicht mehr kleiner ging, war Schluss, es war sein letztes selber gemaltes Bild.

Dann hat es uns in die Welt versprengt und wir haben uns aus den Augen verloren.

Jahre später, inzwischen war ich Filmstudentin in Berlin, klingelte eines Abends mein Telefon.

Es war Peter: «Du, wir haben beide einen Film in Solothurn! Im selben Programm!» So hatte uns die Hinwendung zum bewegten Bild wieder zusammengeführt, zu inspirierender Zusammenarbeit und langjähriger, lebendiger Freundschaft. Auch heute noch ist Peter der unbändige Rebell von damals. In seinem jüngsten Film, «Vaters Garten», hat er diesem Rebellentum fast zärtlich Gesicht und Gestalt verliehen – in der Selbstdarstellung als aberwitziger Kasper.

Nie würde er sich äusserem Druck beugen und stets hat er sowohl Trends als auch Doktrinen hartnäckig widerstanden. Das sieht man seinen Filmen an, und ich bin froh darum. Unser ZusammenspieI im Schneideraum ist energiegeladen und geprägt von einer regen Argumentationskultur. Ebenso wichtig wie der intellektuelle, inhaltliche Austausch sind das elementare Ausprobieren und Suchen. Bilder, Sätze, Töne, Musikpassagen werden immer wieder sorgfältig überprüft, ob sie die einzig Richtigen an der einzig richtigen Stelle sind. Es geht nie «irgendwie schon». Es stimmt entweder ganz oder es stimmt gar nicht. Untergeordnete Ebenen, ob Bild, Text oder Musik, gibt es in Peters Filmen nicht. Keine ist da, um lediglich einer anderen zu dienen, sie sind alle gleichwertig – es erstaunt also nicht, dass die Sprachspur gewisser Filme ebenfalls in seinen Buchproduktionen zu finden ist. Gegen Ende unserer ersten gemeinsamen Schnittzeit habe ich einmal scherzhaft gesagt, in einem Film sollten eigentlich kein Bild, nicht ein einziger Schnitt bestehen, welche nicht hundertprozentig gefielen. Statt über mich zu lachen (wie ich erwartete), stupste Peter mich an und erwiderte begeistert: «Komm, das machen wir!», er meinte das ernst. Also haben wir dieses Credo fortan, wie zwei Komplizen, mit grossem Eifer verfolgt.

Ich erinnere mich an einige von Peters Lieblingsdingen, er hat sie mal auf eine Liste notiert und den Zettel auf den Schneidetisch gelegt. Giraffen und Kühe waren dabei und Propeller, Flugzeuge und Zeppeline … Danke, Peter, dass du mich ins Luftschiff geholt hast, um mitzuwirken an der Entstehung deiner wunderbaren Filme!

 

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


Details zum Buch

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