PETER LIECHTI (1951-2014)
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»Namibia Crossings« – Interview mit Peter Liechti 

(Basler Zeitung, 23.9.2004, S.39)

Dokumentarfilme erfreuen sich gegenwärtig einer nie gekannten Beliebtheit. Haben Sie als Dokumentarfilmer eine Erklärung für dieses interessante Phänomen?

Eine stringente Erklärung habe ich auch nicht, kann mir aber zwei Faktoren vorstellen. Einer ist ganz pragmatisch: Durch die neuen technischen Möglichkeiten ist das Herstellen eines Dokumentarfilmes sehr viel einfacher geworden. Mit dem leichten Equipment kommt man enorm nahe an die Leute heran. Zudem lässt sich durch die Möglichkeiten, die der elektronische Schnittplatz bereitstellt, das riesige Material, das bei einem Dokumentarfilm anfällt, einfach besser bewältigen. 

Zweitens hat im klassischen Erzählkino (auch) eine gewisse Abnützung stattgefunden. Ich behaupte nicht, dass die Filme schlechter geworden sind, gerade im Studiofilm gilt eher das Gegenteil. Aber die Geschichten wiederholen sich. Und wenn dann der Spielfilm nicht aussergewöhnlich gut gemacht ist, bleibt für das Publikum wesentlich weniger "Fleisch am Knochen" als bei einem Dokumentarfilm. Man lernt auch bei einem mittelmässigen Dokumentarfilm ein Stück Welt kennen - bei einem mittelmässigen Spielfilm haben Sie nur Ihre Zeit verschwendet

Dokumentarfilme geben immer eine subjektiv gebrochene Sicht auf die Realität frei. Was ist das Charakteristische dieser Brechung in Ihren Filmen? 

Lassen Sie mich Michael Moore als eine Art Widerpart nehmen. Ich gehe viel weniger voreingenommen an die Realität heran als er, habe keinen Propagandaanspruch. Ich will nichts behaupten oder beweisen mit meinen Filmen sondern eher etwas berühren. Ich möchte mich etwas annähren, es für mich selber entdecken. Das ist ein essayistischer Anspruch. Was mich allenfalls mit Michael Moore verbindet, ist, dass auch er transparent macht, wer den Film erzählt. Das ist auch das einzige, was mir an seinen Filmen gefällt. 

In "Signers Koffer" portraitierten Sie den Künstler Roman Signer, der sagt, ihn interessiere an seinen Installationen das Unvorhersehbare. Trifft sich das mit Ihrer Herangehensweise?

Eine Voraussetzung die ich brauche, ist eine möglichst grosse Offenheit, was beim Lancieren neuer Projekte ein Hindernis ist. Die erste Frage potentieller Geldgeber lautet immer: "Was gibt's denn für einen Film?". Wenn ich dann sage: "Ja das nimmt mich eben auch Wunder!" bekommen die das grosse Zittern. Mich interessiert es nicht, beim Filmen nur noch einen Plan auszuführen. Wenn ich drei Jahre an einem Film arbeite, möchte ich nach diesen drei Jahren ein anderer sein. 

Welche Rolle spielte das Experimentelle in "Namibia Crossings"?

Rein logistisch war das eine grosse und teure Kiste. Hier hat die Versuchsanlage eine maximale Grösse erreicht. Aber für mich war es dennoch eine Versuchsanlage. Das haben vermutlich nicht alle gleich aufgefasst. Ich vermute, dass sich die Planer des Musikprojekts zu Beginn ein sehr viel eindeutigeres Ziel vor Augen hatten, z.B. eine CD-Produktion. 

Im Film sieht man, wie bei der Arbeit mit den "Sunshine Kids" zwischen einzelnen Musikern ein ziemlich heftiger Konflikt ausbricht. Hat Sie das überrascht? 

Mich hat es natürlich etwas beängstigt, dass das schon so früh passiert ist. Ich habe aber absolut damit gerechnet. Stellen Sie hier mal eine solch heterogene Gruppe aus Leuten zusammen, die dann einfach sechs Wochen zusammen funktionieren müssen! Schon in der Probephase war die Euphorie der ersten paar Tage schnell verflogen. Gerade in der Auffassung darüber, was Proben heisst, zeigten sich die Gegensätze. Sechs bis acht Stunden Proben pro Tag ist eine Form von Molochen, die den afrikanischen Musikern im Ensemble schlicht fremd war. Oft kamen die Afrikaner ins Probelokal, aufgestellt und motiviert, hockten sich hin und legten los. Die Europäer waren gerade erst am Auspacken und schauten begeistert zu. Als sie dann endlich bereit waren, hiess es: Das wars. Jetzt kann ichs nicht noch einmal... 

Ist "Namibia Crossings" die Chronik eines Scheiterns?

Nein. Ich glaube, es war für niemanden ein Scheitern. Aber man müsste vielleicht sagen: Bei keinem sind die ursprünglichen Erwartungen eingelöst geworden; dafür wurden ganz andere, nicht weniger wertvolle Erfahrungen gemacht. Jeder und jede in diesem Projekt wurde einmal oder mehrmals ganz heftig mit den eigenen Grenzen konfrontiert. Was aber bei keinem einzigen das Aufgeben bewirkt hat. Zwischendurch hat es zwar recht massive Konflikte gegeben, aber die Musiker sind überhaupt nicht im Streit auseinandergegangen. 

Interessant ist ja, dass sich der Konflikt nicht um irgend etwas dreht, sondern um die Musik selbst, um die Dissonanzen.

Sowohl die Annäherung und auch die Entzweiung war bei Musikmachen hörbar und sichtbar. Für mich wurde die Gruppe je länger je mehr zu einem Gleichnis für die Situation in Afrika oder für die Weltsituation überhaupt. Am Schluss hatten einfach die Frauen die Power, die das Projekt zu einem guten Ende brachte. Die hatten es untereinander ja auch lustig. In Afrika lässt sich deutlich beobachten:: Es sind die Frauen, die den Karren ziehen.

In "Namibia Crossings" gibt es eine Szene, in der Dominic mit seinem religiösen Eifer - zumindest in unseren Augen - sehr nahe an der Selbstentblössung ist. Gibt es für Sie moralische Grenzen, Grenzen des Respekts vor einer Person, wenn Sie die Kamera auf die Leute richten? 

Ich erinnere mich an einer isländischen Dokumentarfilmer, der ausschliesslich Vulkane filmte. Als ich ihn fragte, ob er denn nie Angst habe, wenn er so nahe an die Vulkane herangehe, antwortete er mir: "I've just got to have the material!". Das geht mir auch Menschen gegenüber so: Ich verhalte mich notfalls nur noch taktisch, ich bescheisse, ich lüge, ich mache alles, um gutes Filmmaterial zu bekommen. Erst nachher, am Schneidetisch, beginnt die Verantwortung. Hier entscheide ich, was ich zumuten kann und was nicht. Deshalb ist es mir auch wichtig, dass der Film am Schluss meine Unterschrift trägt. Ich muss die Verantwortung übernehmen. 

Was Dominik betrifft: Als wir den Film vor seiner Herausgabe in der Schweiz den Musikern in Namibia zeigten, sagte mir Dominik, er sehe nichts Beleidigendes oder Falsches im Film. Er sehe nicht ein, weshalb man ihn nicht in dieser Form zeigen solle.

Am Ende des Films singt Emmanuel ganz alleine ein Lied. Es ist das erste Stück des letzten Konzerts. Warum haben Sie sich entschieden, so aufzuhören und nicht mit dem Kollektiv?

Mit irgendeinem tollen Stück aus dem Schlusskonzert aufzuhören hätte für mich nicht der Quintessenz dieses Projekts entsprochen: Meine damalige Stimmung war eher eine leise Wehmut darüber, dass wir jetzt gehen müssen. Das drückt für mich Emmanuel mit seinem Lied aus. Es ist ein Lied über ein unerreichbares Ziel, nämlich Kontakt aufzunehmen mit seinem verstorbenen Bruder. Das hat meinem Gefühl in dem Moment entsprochen. So bin ich aus Afrika weggegangen. Mit einem wunderbaren Gefühl, aber mit einem Gefühl in moll.

(Interview: Simon Niederhauser. Hier der ungekürzte Text.)

 

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


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