PETER LIECHTI (1951-2014)
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Ein Erfahrungsbericht samt anschliessenden Überlegungen
Endlich die Antwort vom Bund (wichtigste Säule zur Subventionierung des einheimischen Schaffens) auf unser Gesuch - zweiteilig. Erstens: «Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass die Expertenkommission positiv entschieden hat ...» Zweitens: «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Kasse leer ist ...» (im Frühjahr 2000). Aha. In diesem Jahr stünden dem Bund nur zwei Drittel des sonstigen, eh schon viel zu knappen Filmkredits zur Verfügung. Aha. Versuchen wir's halt weiter; dem Fernsehen (zweitwichtigste Säule), so hört man, würden dafür mehr Mittel als früher für Koproduktionen zur Verfügung stehen. Gut, dass wir grad einen zuständigen Redaktor treffen. Der winkt aber ab, bevor wir richtig zu Wort kommen: «Kein Geld mehr in diesem Jahr (es ist nach wie vor Frühjahr 2000) ... Was uns allein die Mitfinanzierung dieses Pitchings [moderierte Projektpräsentation vor einem ‹Gremium›, eine neue Dienstleistung für Film- und Fernsehproduzenten] wieder gekostet hat ...» Wir lassen ihm trotzdem unser Gesuch zukommen; im Grunde ist er ein netter Mensch, vielleicht wird er ja doch irgendeinen Weg finden.

Und da gibt's ja noch die Migros mit ihrem Kulturprozent; wir lassen uns die Unterlagen kommen. Was?! Auch da nur noch ein gutes Drittel des bisherigen Filmbudgets! Jetzt braucht's aber langsam Glück - und zum Glück gehören seit je die guten alten Kulturstiftungen. Der Reihe nach werden nun alle diese Stiftungen telefonisch abgeklappert: Von den grössten und wichtigsten, die unsere bisherigen Projekte mit namhaften Beiträgen unterstützt hatten, haben etwa die Hälfte die Filmförderung gestrichen oder «sistiert». Grund: «Ihr habt ja den Bund, das Fernsehen, die Migros ...» Sie selber würden zunehmend mit Gesuchen überschwemmt und sähen sich ausserstande, bei den stets steigenden Filmbudgets noch wirksame Beiträge zu sprechen. Also lieber gar nichts mehr. Und als uns dann noch das Gerücht zu Ohren kommt, dass selbst grosse Kantone wie Genf oder Bern daran gehen, den Filmkredit zu streichen, und dass zurzeit auch die Abschaffung der eidgenössischen Qualitätsprämien (oftmals der einzig nahrhafte «Überbrückungs-Zuschuss» für Autoren und Produzenten, um die Kontinuität ihres Schaffens zu sichern) diskutiert werde, stellen sich uns wirklich ernste Fragen.
P.S.: Mittlerweile haben wir erfahren, dass der Bund nun doch noch etwas Geld für uns gefunden hat - wenn auch erst im nächsten Jahr. Ich sag's ja: Ich bin ein Glückspilz ...

Operation gelungen - Patient gestorben?
Kürzlich hat der «Verband Drehbuch und Regie Schweiz» an seine Mitglieder eine zwölfseitige Liste versandt über sämtliche Ämter, Kommissionen, Verbände, TV- und andere Redaktionen, soziale Institutionen, Schulen, Weiterbildungsstiftungen, Festivals ..., die sich in diesem Lande mit der Förderung des Schweizer Films befassen - 68 an der Zahl! Ich war beeindruckt - gerade weil mir bewusst war, dass damit nur ein Teil der ganzen «Kulturmannschaft» gemeint sein konnte. Bei so viel Hege und Pflege sollte man sich wohl geborgen fühlen. Unzählige Beamte, Funktionäre und Delegierte mit ihren Heerscharen von Hilfskräften sind darum besorgt, dass ihr Schützling «Schweizer Film» wächst und gedeiht. Da herrscht ein solcher Boom, dass gar immer neue Berufe und Ämter daraus herauswachsen: Kulturmanager, Script-Doktoren, Auswertungsdesigner, Sponsoring-Koordinatoren ...

Bei so viel Betriebsamkeit entsteht nun schnell einmal die Gefahr, dass das eigentliche Objekt des ganzen Fürsorge-Enthusiasmus etwas aus dem Blickfeld gerät - oder ist es vielleicht so, dass man dieses Objekt deshalb so leicht aus den Augen verliert, weil es, gewissermassen im Gegenzug, immer kleiner wird, ja geradezu verschwindet im Schatten dieses gigantischen Hilfeprogramms? Schliesslich gedeihen die beiden, der Film und seine Förderer/Verwalter, auf demselben Boden, und dieser findet sich - national-allegorisch gesagt - eher in den kargen Bergregionen als auf den fetten Weiden des Mittellandes. Möglicherweise ist es nun so, dass das ganze Helferpersonal dem «Patienten» - als solcher wird das hiesige Filmschaffen offenbar gesehen - einen gewichtigen Teil dessen entzieht, was dieser für seine Genesung am dringendsten benötigt: die finanziellen Mittel. Denn Film kostet - auch der Schweizer Film. Und deshalb müsste das ganze Supportsystem vor allem dann greifen, wenn es an die Finanzierung/Realisierung eines neuen Projekts geht.

Was ich heraushöre aus dem gegenwärtigen Gemunkel und Gestöhne: Alle die Bemühungen der letzten Jahre um den Patienten «Schweizer Filmschaffen» haben offenbar gefruchtet; er scheint zu gesunden, immer mehr und immer besser ausgebildete Leute (es gibt vier gute Filmschulen in der Schweiz) drängen zum Film und wollen arbeiten. Es boomt also auch auf der anderen Seite, doch keiner scheint sich darüber zu freuen. Im Gegenteil: Als würden die Geister, die man gerufen hat, langsam lästig werden, scheinen sich die Anstrengungen des «grossen Apparats» darauf verlagert zu haben, diese wieder loszuwerden. Das ist bekanntlich schwierig, und so wuchern denn die Gesuche dieser «Geister» (virtuelle Schweizer Filmer) bis in die Chefetagen der Kulturbürokratie: Auf professioneller Software professionell unterbreitet (so hat man's ihnen beigebracht), erfahren diese Gesuche nicht weniger professionelle und routinierte Absagen - der Betrieb läuft auf Hochtouren, ohne dass dabei gross Filme produziert werden müssten.

Das Image und die Politiker
Das heisst nun nicht, dass auf Seiten unserer Förderer und Pfleger keine neuen Wege gesucht würden. «Erfolgsabhängige Förderung» lautet z. B. ein Rezept, das uns verschrieben wurde. So führen sie uns auf den Weg globaler Aufgeschlossenheit (mehr wirtschaftliche statt künstlerische Kriterien), befreien uns von der schmählichen Bittstellerrolle und entschärfen die Fronten zwischen sich und uns: Nicht von ihnen sind wir also abhängig, sondern von unserem eigenen Erfolg. Dass sie sich selber ausnehmen von solchen Erfolgskontrollen, scheint selbstverständlich: Ihr Betrieb floriert, das muss nicht erst bewiesen werden. - Doch aufgepasst, man hat uns gewarnt: Die öffentliche Austragung interner Unzufriedenheiten sei in jedem Fall zu unterlassen, weil sie im Hinblick auf eine Verbesserung unseres Images gegenüber einem uns grundsätzlich feindlich oder zumindest skeptisch gesinnten Parlament nur kontraproduktiv wirken würde - ein Schuss in den eigenen Rücken gewissermassen. In der Tat ist mir unverständlich, wie gering unsere Politiker die Wichtigkeit eines lebendigen Filmschaffens als Ausdruck schweizerischer Identität schätzen in diesem medienbestimmten Zeitalter. Natürlich ist mir bekannt, dass gerade in den innersten Bezirken unseres «Betriebs» seit Jahren die grössten Anstrengungen unternommen werden, Volk und Parlament davon zu überzeugen, dass eine entscheidende Aufstockung des Filmkredits (Stichwort «Quantensprung») allererste Voraussetzung ist für eine ernst zu nehmende «Filmszene Schweiz». Ich weiss, dass diese Arbeit nicht nur viel Geld, sondern auch Nerven und Durchhaltevermögen kostet und dass viele unserer Kulturbeamten dieses wichtigste aller Ziele mit grossem Engagement verfolgen; selbstverständlich gebührt ihnen für diesen nach aussen wenig spektakulären und oft undankbaren Einsatz die nötige Anerkennung.

Doch ich halte es nicht für produktiver, aus lauter Angst vor denjenigen, die uns sowieso missverstehen wollen, unserem Ärger nicht Ausdruck zu verleihen über einen Trend in den «eigenen Reihen», der uns auch noch bei der grossen Zahl von Wohlgesinnten die Glaubwürdigkeit verlieren lässt. Nicht durch aufgebläht «professionelles» Gebaren sollten wir uns profilieren (mit dem Effekt, dass diese «Professionalität» uns Filmschaffenden die Arbeit mehr erschwert als erleichtert), sondern durch die Konzentration auf den überzeugten und überzeugenden Kampf für das, was ein produktives und kreatives Schaffen in diesem Land erst möglich macht: den real noch nicht existierenden Quantensprung.

 

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


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