PETER LIECHTI (1951-2014)
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Mit seinem Spielfilm «Marthas Garten» war der Schweizer Regisseur Peter Liechti beim 3. Filmfestival von Sarajevo.
Ein Feuerball fliegt durch die schwarze Nacht - das Signet des diesjährigen Filmfestivals von Sarajevo. Eine Granate vielleicht, ein roter Brandsatz, aufgedruckt ein weisses F - F für Film? So richtig verstanden habe ich es nicht, das Zeichen, so wie ich wohl vieles nicht so richtig verstanden habe während meines dreitägigen Aufenthalts in Sarajevo. Weit entfernt vom üblichen, gleichermassen ermüdenden wie entleerenden Festivalgetue stand hier für einmal weniger der Anlass als der Ort im Mittelpunkt.

Das Festival war vor drei Jahren gegründet worden, während der Belagerung der Stadt. Und auch heute ist die Stadt das Ereignis; die jüngste Vergangenheit Sarajevos dominiert alle anderen Themen.

Unklarheiten
Noch im Flugzeug bemühen sich mein Produzent Res Balzli und ich, etwas Orientierung in die Ereignisse der vergangenen Jahre in Sarajevo zu bringen. Schnell wird klar, wie wenig uns eigentlich klar ist. Dabei habe ich vor dem Abflug noch zwei Bücher gelesen: die Aufsätze des spanischen Reporters juan Goytisolo, «Notizen aus Sarajevo», und den Erzählband des Bosniers Milienko Jergovic, «Sarajevo Marlboro» - ein Hammer von einem Buch! Über die realen Vorgänge und die geschichtlichen Zusammenhänge habe ich dadurch kaum etwas dazugelernt.

Beide Bücher handeln selber von der Unmöglichkeit des Begreifens. Trotzdem war die Lektüre eine gute Vorbereitung auf das, was mich in den nächsten Tagen immer wieder beschäftigte: die verwirrende Verschiedenheit von Perspektiven, die Versuche zur Verarbeitung. Hier die nackte Empörung des Spaniers «angesichts eines kollektiven Verbrechens in der Mitte Europas», dort die feinen, unsentimentalen Töne des Bosniers, kleine, gleichnishafte Geschichten voller Mitleid und Trauer, doch frei von jeglichem Hass. Dort einer, der den Krieg «besucht» hat, hier einer, der ihn am eigenen Leib erfahren musste.

«Wer sagt denn heute in Sarajevo die Wahrheit?» frage ich später den Festivaldirektor Miro Purivatra. «In der Tat eine schwierige Frage», seine Antwort, «unser, Festival vielleicht, die Kunst, die Filme. Wir offerieren den Leuten die Möglichkeit, selber zu wählen, etwas herauszufinden. Das Volk muss darüber entscheiden, was für uns die Wahrheit ist. Sicher nicht die Politiker.» Miro ist ein wunderbarer Mensch, freundlich und gescheit. Seine meist sehr jungen Mitarbeiter sind auffallend wach und offen für alles, was von aussen kommt; helle Geister hinter dunklen Stirnen. Sind sie auch naiv - oder bleibt ihnen nichts anderes übrig, als optimistisch zu sein?

Während der Belagerung Sarajevos sind scharenweise Reporter, Künstler und Intellektuelle in die Stadt gepilgert. Sarajevo hatte etwas zu bieten in diesen Jahren, war wie eine Bühne des Schreckens, die Einblick gewährte in die übelsten menschlichen Abgründe - und ins Gegenteil: in menschliche Grösse, Solidarität und Überlebenswillen. Umgeben von Brand- und Leichengeruch, haben wohl viele dieser Besucher nach einer Art Mass gesucht. Sarajevo bot die Möglichkeit, sich aufzubauen an der eigenen Empörung, Gefühle zu erfahren, zu denen man sich nicht erst aufraffen musste, und dabei auch noch teilzuhaben an einer Art Apokalypse, bei der man fast zwangsläufig etwas abbekommen würde von tieferen «Wahrheiten».

War Miro nicht auch misstrauisch gegenüber den Heilserwartungen in die pure Anwesenheit von Medien und Intelligenziia? «Darüber haben wir nie nachgedacht. Wir waren einfach froh um jeden der nach Sarajevo kam. Stell dir vor vier Jahre Desaster, vier Jahre totale Isolation. Da entsteht das Gefängnissyndrom, du freust dich über jeden, der dir neue Geschichten erzählt, der etwas Abwechslung bringt ins ewige Warten. Für uns war es nicht wichtig, warum sie kamen, sondern dass sie kamen.» Und heute? «Wir brauchen Education, Education, Education - wir müssen den Menschen den Geist öffnen, damit wir den Anschluss finden an die übrige Welt, damit wir gewappnet sind im Umgang mit künftigen Konflikten.»

Leute wie Susan Sontag - Miro gerät ins Schwärmen - seien für diese Stadt von grösster Wichtigkeit gewesen. Noch heute besuche die Amerikanerin regelmässig ihre Freunde in Sarajevo.

Sontags Name war mir bekannt, nicht aber der des Generals Jovän Divjak, der während des Krieges Oberkonmandierender in der bosnischen Armee war. Als Serbe ist er damals in der Stadt geblieben und hat nach dem Angriff der Tschetniks die Verteidigung von Sarajevo organisiert und mit dem grössten persönlichen Einsatz durchgesetzt. General Divjak war immer schon ein grosser Kunstfreund, der sich unter anderem persönlich für die Einrichtung des ersten Filmfestivals im Keller des zerstörten Obala Art Center eingesetzt und nach Möglichkeit auch jede Veranstaltung dort besucht hat. Das Obala war damals trotz seiner Exponiertheit und der damit verbundenen Lebensgefahr einer der wichtigsten Treffpunkte. Heute ist der General pensioniert und zu einer Art Volksheld geworden. Beim Festival bietet er den Gästen drei von ihm geführte Ausflüge zu den wichtigsten Kriegsschauplätzen rund um die Stadt an - nicht ohne Stolz auf den siegreichen Widerstand gegen die Teilung von Sarajevo.

Versöhnungsbereitschaft
Allgemein zeigt sich die Bevölkerung eher uninteressiert am Thema Krieg; demonstrativ geniesst sie das neue Gefühl von Alltag. Eine irritierende Gelassenheit prägt die Stimmung in den Strassen. Kaum ein Wort des Hasses, eine geradezu unglaubliche Bereitschaft zur Versöhnung - Noblesse, Verdrängung, Oberdruss oder einfach Überlebensinstinkt? Ich weiss es nicht. Ich denke an all die Horrorgeschichten, an die Nachricht vom «war tourism» etwa: Sportsfreunde aus aller Welt waren von den Belagerern eingeladen worden, als «snipers» (Heckenschützen) auf Bürger von Sarajevo zu schiessen. Fotografisch dokumentiert ist beispielsweise die Teilnahme des russischen Avantgarde-Schriftstellers Limonow an einer solchen «Jagdveranstaltung». Limonow wird wohl weiter gelesen, vielleicht spaziert er zurzeit sogar durch Sarajevo. Wer ist wer in Sarajevo?

«Sarajevo hat überlebt und ist voll von positiver Energie», sagt Miro, «Sarajevo war immer eine freundliche Stadt.» Nur einmal wirkt der Festivalleiter wirklich bitter: «Europa hat uns verraten. Es hat die Chance verpasst, die Demokratie zu verteidigen, ein Beispiel zu geben und eine starke Gemeinschaft zu erhalten. 5o Jahre nach Auschwitz hat Europa die Faschisten nicht nur gewähren lassen, sondern sie auch noch unterstützt. Damit haben sie nicht nur Sarajevo zerstört, sondern auch sich selber.»

Und dann - ist er plötzlich Diplomat, höflicher Gastgeber? - kommt Miro auf die Schweiz zu sprechen. «Die Schweiz war eine Ausnahme. Sie hat den grössten und wichtigsten Beitrag geleistet am Wiederaufbau unseres kulturellen Lebens.» Zwei Fahnen schmücken den Eingang zum Festivalkino: Die Flagge Bosniens und jene der Schweiz. Vorne im Saal eine ganze Reihe mit VIP aus der Schweiz: Gret Haller als Chefin der OSZE-Truppen, Botschafter Christian Hauswirth, Kulturattaché Amadeus Brülhart und eine Delegation des Zürcher Kinos Xenix. Dieses hatte in einer Aktion noch während der Belagerung das Geld für die Kinoeinrichtung im Obala gesammelt. Zusammen mit dem EDA, Pro Helvetia und anderen mehr wurde rasch und unbürokratisch kulturelle Hilfe geleistet. Darf ich denn für einmal tatsächlich einbisschen stolz sein auf unser Land? Bereits der Eröffnungsfilm kommt aus der Schweiz: «L'année du daim» von Trickfilmer Georges Schwizgebel. Ein Hund fällt ein Reh an und verletzt es. Der Mensch fährt mit dem Stock dazwischen, verarztet das Reh, züchtigt den Hund. Während der Genesungszeit sind Reh und Hund im selben Zwinger eingesperrt. Immer wieder unternimmt der Mensch Versuche, die zwei gegensätzlichen Tiere einander näherzubringen. Immer wieder wird der Hund geprügelt, das Reh verbunden, bis es schliesslich gelingt, die beiden zu Freunden zu machen. Eines Tagds wird das Reh in die Freiheit entlassen und begegnet drei fremden Hunden. Freudig springt es ihnen entgegen - und wird zerfleischt.

Es wird ein nahrhafter Abend, der sich auf den Sesseln des Open-air-Kinos fortsetzt. Der bosnische Spielfilm «Le cercle parfait» von Ademir Kenovic ist nämlich ein Ereignis der besonderen Art. Sein Thema sind die Leiden und Greuel der vergangenen Jahre. Gedreht wurde der Film an Originalschauplätzen Sarajevos während des Krieges. Und jetzt sitzen wir am selben Ort und schauen uns den Film mit dem «Originalpublikum» an. Jede Ecke, jede Strasse wird wiedererkannt und laut kommentiert. Und wie und wo da gelacht wird - Gelegenheit, sich ultimative Gedanken zum Lachen im Kino zu machen.

Ovation unter Tränen
Auf diese Ouvertüre folgt am nächsten Tag eine wahre Orgie von Gewalt, Terror und Sadismus. Das wichtigste, aufwühlende Ereignis ist der Dokumentarfilm «Calling the Ghosts» von Mandy Jacobson und Karmen Jelencic, ein intimer Bericht von zwei überlebenden Frauen aus dem berüchtigten Lager von Omarska, die mit ihrem mutigen Schritt an die Öffentlichkeit erreicht haben, dass Vergewaltigung in die UN-Liste der Kriegsverbrechen aufgenommen worden ist. Die Projektion findet in Anwesenheit der beiden Protagonistinnen statt. Als die beiden Frauen nach der Vorführung auf die Bühne steigen, gezeichnet, aber nicht gebrochen, entladen sich die Wut, die Trauer und die Bewunderung für ihre Tapferkeit in einer Standing ovation. Niemand versucht, die Tränen vor dem anderen zu verbergen.

Nach zwei weiteren Filmen zu ähnlichen Themen - «Licenced to Kill» von Arthur Dong und «Funny Games» von Michael Haneke - bin ich vollends geschafft. Später dann am Abend erzählt mir Mandy Jacobson, sie habe definitiv genug von all diesem Leiden und könne keine weiteren Filme übers Töten und Sterben mehr. drehen. Für sie sei frische Luft angesagt, das Leben, die Zukunft.

Sie drückt damit genau das aus, was auch bei den Einheimischen überall spürbar wird. «Weisst Du», sagt Faruk Loncarevic, der an der Filmschule Regie studiert und beim Festival als Pressebetreuer arbeitet, «man gewöhnt sich an die Granaten wie ans Wetter. Mal ist es ruhig, mal gibt es einzelne Gewitter, mal schwere Niederschläge - ein ganz normales Lebensgefühl mit der Zeit.» Beim Schlendern durch die orientalisch anmutende Altstadt deutet er auf die Moschee vor uns. Allein sie sei über 80mal getroffen worden. «Die wollten uns nicht einfach einschüchtern oder vertreiben, die wollten uns alle töten. Und nun sitzen sie da hinten in Pale, es geht ihnen um einiges mieser als uns. Sie können einem leid tun; sie sind isoliert, und keiner interessiert sich mehr für sie.»

Bei bestem Wetter fliegen wir zurück in die Schweiz. Res frönt seiner alten Leidenschaft, dem Landkartenlesen: «Da unten ist Ljubljana», höre ich ihn nach dem Start neben mir, «und dort ist Innsbruck zu sehen, der Inn - und ist das schon der Bodensee?» Die Landschaft unter uns bietet auf der ganzen Strecke ein mehr oder weniger gleichbleibendes Bild: grüne Hügel und Täler, einzelne Bergzüge, Flüsse, Seen. Es ist tatsächlich schon der Bodensee, gleich landen wir in Kloten. Und eines habe ich auf jeden Fall begriffen: Wie nahe Sarajevo ist.

 

Index Texts


 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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______________________
*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


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