PETER LIECHTI (1951-2014)
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WoZ vom 02.12.2010

«Lauftext» Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen

Von Adrian Riklin

«Lauftext» – der Titel passt. Zum einen ist da der Lauf der Bilder, denen sich der Autorenfilmer Peter Liechti seit den frühen achtziger Jahren verschrieben hat. Und da ist das «Laufen», Unterwegssein im Inneren wie im Äusseren, das ein zentrales Motiv in Liechtis Arbeit darstellt. Es bringt sich hier ein Ich zum Ausdruck, das sich auf seinen Irr-, Ab-, Um- und Auswegen permanent selbst beobachtet – und aus dieser Haltung auf ihm fremde (und fremd gewordene) Umgebungen schaut.

Liechtis Notizen aus den vergangenen 25 Jahren vereinen Tagebuch- und Arbeitsnotizen, essayistische Passagen und innere Monologe. Was die Texte miteinander verbindet, sodass sie als ein einziger «Lauftext» in Kapiteln gelesen werden können, ist die Radikalität, mit der Liechti immer wieder sich selbst ins Zentrum der Untersuchungen stellt. Aus der exzessiven Selbstkritik kommt seine Kulturkritik – und macht aus «Lauftext» ein Buch, das sich in ein Regal mit Werken von Ludwig Hohl, Max Frisch oder Paul Nizon stellen liesse.

Seismografie des Selbst

Am Anfang steht der Sprechtext zum Film «Ausflug ins Gebirg» aus dem Jahre 1986. Ein Text, der lautmalerisch auf die vorarlbergische Landschaft und ihre Namen reagiert. Schon hier zeigt sich ein wichtiges Prinzip von Liechti: Er setzt sich aus (der Landschaft, der Einsamkeit, der Leere) – und zeichnet auf, wie ihm geschieht. Diese Seismografie des Selbst weitet sich aus und erfasst die Räume. Immer wieder gelingt es Liechti, Stimmungen, die sich ausbreiten oder verdichten, poetisch so zu präzisieren, dass daraus eine erhellende Kulturkritik entsteht.

So etwa beschreibt Liechti in einem Arbeitstext zu seinem bislang einzigen Spielfilm «Marthas Garten» (1997) am Beispiel der veränderten Innenarchitekturen und Verhaltensweisen in Cafés den Niedergang einer ganzen Kultur: «Gedanken verkleben zu bleichen Häppchen, gelecktes Gebäck die Gesichter rundum. Nichts ist vorgeschrieben, doch jeder hält sich daran – raschelt mit der Zeitung, hustet ins Papier.»

Liechtis Blick auf diese Welt ist geprägt von Traurigkeit. Voyeuristisch wird er nie, dazu hat er zu viele Skrupel. Die Haltung des Fremden, die Liechti einnimmt (auch gegenüber sich selbst), diese negative Verwunderung, wird besonders deutlich in den Reisenotizen aus den USA (1990), jenem Land, in dem «alles auf Durchquerung und Überwindung angelegt» scheint: «Verweilen ist verdächtig, Berühren anrüchig – dieser Aufwand an Geräten, um Berührung zu vermeiden!»

Die Kritik an der Welt und ihrer ästhetisch-moralischen Kaputtheit richtet Liechti immer wieder auch auf sich selbst. Damit verbunden ist stets auch der Versuch, über das Dokumentieren hinauszugehen, zu verändern. Die drei Marschtagebücher zum Filmessay «Hans im Glück» (2003) dokumentieren Liechtis Versuch, das Rauchen aufzugeben. Dies verbindet er mit einer Wanderung von seinem Wohnort Zürich in seine Heimatstadt St. Gallen, festgehalten mit der Kamera. Die Hoffnung, auf diesem Weg zu einer horizonterweiternden Wahrnehmung zu gelangen, erweist sich als trügerisch: «In Afrika habe ich mir aufgeschrieben: Ich werde noch eine Weile suchen müssen, bis ich herausgefunden habe, was ich hier zu suchen habe ... So ähnlich geht’s mir jetzt hier. Je weiter ich komme, umso weniger wird mir klar, wozu diese Reise gut sein soll.»

Im Flipperkasten der Zivilisation

Liechti gibt Einblicke bis tief in die Zonen der Selbstzweifel. Im «Logbuch 2003» zitiert er einen Kollegen, der «Hans im Glück» als «a film about nothing» beschreibt. Von diesem Titel ist Liechti derart begeistert, dass er beschliesst, diesen Film zu machen, «damit ich einmal das Plakat an der Wand hängen sehe, auf dem NICHTS steht». An anderer Stelle sinniert er: «Statt uns zu fürchten vor dem gewaltigen Nichts, sollten wir vielleicht lernen, es zu lieben. Uns nach hinten zu lehnen und dem Nichts zu lauschen. Mitten im Flipperkasten unserer Zivilisation das grosse alte Nichts herauszuhören – und es zu geniessen.»

Mit dem Film «The Sound of Insects» (2009) – preisgekrönt als bester europäischer Dokumentarfilm – ist Liechti dem Vorhaben schon sehr nahe gekommen.

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 Books, Editions 
»Peter Liechti – DEDICATIONS« (Scheidegger&Spiess Zürich, 2016)
Peter Liechti: »Klartext. Fragen an meine Eltern« (Vexer Verlag St.Gallen, 2013) *)
Peter Liechti: »Lauftext - ab 1985« (Vexer Verlag St.Gallen, 2010) *)
Peter Liechti: Waldschrat. Sechsteilige Fotoserie (Vexer Verlag St.Gallen, 2011)

 By Peter Liechti 
Carte Blanche Peter Liechti (Jahresbericht ARF/FDS 2011; deutsch)
Carte Blanche Peter Liechti (Rapport annuel ARF/FDS 2011; français)
«Viel zu wenige Künstler stürzen ab» (Peter Liechti im Gespräch mit Marcel Elsener)
»Kinodokumentarfilm – Fernsehdokumentarfilm« – Text zur Rencontre ARF/FDS 2006 von Peter Liechti
«Le documentaire de cinéma – le documentarie de télévision» – Texte pour la Rencontre ARF/FDS 2006 de Peter Liechti
Es boomt um den Schweizer Film, von Peter Liechti, Neue Zürcher Zeitung, 30.Juni 2000
Dunkle Stirnen, helle Geister, von Peter Liechti, Tages Anzeiger, September 1997

 About Peter Liechti 
Von Menschen und Hasen (Alexander Weil in www.literaturkritik.de)
Im weitesten Winkel (Bert Rebhandl in FRIEZE)
The Wanderer (Bert Rebhandl in FRIEZE)
Die Kunst des Abschieds (Christoph Egger, Ansprache Gedenkfeier St.Gallen
Konfrontationen mit dem innern Dämon (Christoph Egger, Nachruf in der NZZ)
Der Einzel-, Doppel- und Dreifachgänger (Christoph Egger, Filmbulletin 1/2014)
Im Luftschiff mit Peter Liechti (Tania Stöcklin, Katalog Solothurner Filmtage 2014)
En dirigeable avec Peter Liechti (Tania Stöcklin, Catalogue Journées de Soleure 2014)
Open-Ended Experiments (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Offene Versuchsanordnung (Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013)
Peter Liechti, Sismographe (Bernard Tappolet, Le Courrier, 3 septembre 2011)
Laudatio auf Peter Liechti (Fredi M. Murer, Kunstpreis der Stadt Zürich)
Landschaften, befragt, mit Einzel-Gänger (Christoph Egger, Laudatio Kulturpreis St.Gallen)
Kino zum Blättern? Jein! (Florian Keller)
Das grosse alte Nichts heraushören – und es geniessen (Adrian Riklin)
«Sans la musique, la vieserait une erreur» – Collages et ruptures pour Peter Liechti (Nicole Brenez)
Tönende Rillen (Josef Lederle)
The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti (Peter Margasak)
A Cinematic Poetics of Resistance (Piero Pala)
Aus dem Moment heraus abheben – Peter Liechtis Filme (Bettina Spoerri, NZZ, 19.8.2008)
Sights and Sounds – Peter Liechti's Filmic Journeys, by Constantin Wulff
Letter from Jsaac Mathes
Passage durch die Kinoreisen des Peter Liechti (Constantin Wulff)
Gespräch mit Peter Liechti (Constantin Wulff)
Tracking Peter Liechti's cinematic journeys (Constantin Wulff)
Interview with Peter Liechti (Constantin Wulff)
Interview zu »Namibia Crossings«, in: Basler Zeitung, 23.9.2004
Dokumentarische Haltung. Zu »Hans im Glück«, in: NZZ, 2004
Jäger, Forscher oder Bauer, Interview von Irene Genhart mit Peter Liechti, Stehplatz, April 1996
Excursions dans le paysage, de Michel Favre, Drôle de vie, numéro 8, Dezember 1990
Duckmäuse im Ödland, von Marianne Fehr, WoZ Nr.21, 23.Mai 1990

  Diverses 
Gedenkanlass im Filmpodium Zürich -- in Vorbereitung

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*)
 Inhalt Peter Liechti: «Lauftext – ab 1985» 

Sprechtext zum Film AUSFLUG INS GEBIRG, 1985
Zwei Versuche aus dem Jahr 1987
«Unrast», Arbeitstexte zu MARTHAS GARTEN, 1988 ‑ 1989
Reisenotizen aus den USA, 1990
Logbuch 1995 ‑ 1997
Logbuch 1998 ‑ 1999
Reisenotizen aus dem Südsudan, 1999
Recherchen Namibia, Rohtexte zu NAMIBIA CROSSINGS, 1999
Erstes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 1999
Logbuch 2000 ‑ 2001
Zweites ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2000
Drittes ungekürztes Marschtagebuch zu HANS IM GLÜCK, 2001
Logbuch 2002
Logbuch 2003
Logbuch 2004
Logbuch 2005
Logbuch 2006
Logbuch 2007
Logbuch 2008
Logbuch 2009
Logbuch 2010 (bis Mai)


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