PETER LIECHTI (1951-2014)
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NAMIBIA CROSSINGS (2004, Roadmovie/Essay, - 35mm 1:1,66 FAZ, Farbe, Dolby SR-D - Digi-Beta - DCP: 24p/s - DVD deutsch, Englisch, Français, 92')
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• Persönliche Bemerkungen
• Auszüge aus dem Namibischen Tagebuch

Persönliche Bemerkungen
Wenn ich im vorliegenden Projekt vor allem (aber nicht ausschliesslich) die Menschlichkeit, die Schönheit und das Berauschende des schwarzen Afrika betone, so möchte ich niemanden in gängigen Klischees bestärken, sondern einfach den Fokus auf das legen, wovon ich aus Afrika bisher nur wenig erfahren hatte und wovon ich schliesslich am meisten beeindruckt war: von der heutigen Alltags-Mentalität, dem Lebensmut und der Sensibilität der dortigen Bevölkerung.

Natürlich schwingt auch bei mir «das Unbehagen in der eigenen Kultur» mit, welches mich zunehmend empfänglich macht für Werte und Qualitäten, die uns hier zwischen Warenschlacht und Wettbewerbsstress zu entgleiten drohen.

Erst einmal war es aber meine alte Liebe zur schwarzen Musik (hauptsächlich Jazz und andere schwarz-amerikanische Musik), die mich nach Namibia geführt hat, denn die Wurzeln dieser Musik liegen allesamt in Afrika. Wie weit sie ausgerechnet in Namibia noch anzutreffen resp. nutzbar zu machen sind für eine zeitgenössische Musik - darauf hoffen wir mit dem «Hambana Sound Company»-Projekt eine Antwort zu finden.
Jedenfalls erscheint es mir interessanter, in diesem kulturell noch weitgehend «leeren» (und entsprechend vernachlässigten) Land nach Authenzität und Direktheit zu suchen als in den hinlänglich bekannten urbaneren Kulturen Westafrikas, den typischen, schon längst von der Industrie erfassten Exportländern «afrikanischer Musik».

Zur Haupt-Motivation für ein grösseres Film-Projekt sind mir aber die beiden bisherigen Reisen nach Namibia geworden. Die vielen und herzlichen Begegnungen in dieser Zeit haben bei mir Gefühle der allergrössten Sympathie und des tiefsten Respekts für ein Land und seine Bevölkerung hinterlassen. Nie ist mir Arroganz oder Feindseligkeit begegnet, dafür umso mehr Toleranz, Humor und Lebensfreude. Ich habe in der Schweiz das ganze Jahr über nicht so viel und so gut gelacht wie in den 2 Wochen Namibia - und das in einem Land, welches bis in jüngste Vergangenheit wie kaum ein anderes unter der Arroganz weisser «Politik» gelitten hat. Wo elementarste Menschenrechte während 150 Jahren mit Füssen getreten wurden, wird heute die Wahrung der Würde jedes Einzelnen besonders hoch gewertet - auch wenn dies unglaublich erscheint vor dem Hintergrund der täglichen Horrormeldungen von Kriegen und Massakern auf dem gleichen Kontinent.
Wenn in Namibia bis heute kein einziger Racheakt an den ehemaligen Unterdrückern bekannt geworden ist, so ist dies zweifellos dem Umstand zu verdanken, dass der junge Staat seine Innenpolitik von Anbeginn an unter die Maxime von «reconciliation» - Versöhnung zwischen ehemaligen Unterdrückern und Unterdrückten - gestellt hat. Dass diese Form von Klugheit und Grossmut auch in Afrika eher selten anzutreffen ist, ist mir bei aller «Schwärmerei» sehr wohl bewusst.

Nicht zuletzt entspringt mein Wunsch, diesen Film zu machen auch meinem Ehrgeiz, allzu pessimistische Analysen zu relativieren, wie z.B. die des (im übrigen sehr geschätzten) französischen «Neo-Humanisten» Michel Houellebecq:

«… Der durchschnittliche Westeuropäer hat überhaupt kein Gespür mehr fürs Feiern. Sich seiner zutiefst bewusst, den andern vollkommen fremd, terrorisiert vom Gedanken an den Tod, ist er wirklich unfähig, zu welcher Fusion auch immer zu gelangen… Er befindet sich in einer scheusslichen Lage.»

Ich hoffe darauf, dass die «westliche Seele» wieder herausfindet aus dieser selbstgewählten Isolation.
Das ganze «Hambana Sound Company»-Projekt verstehe ich als eine Art Gegenmodell zu einer verängstigten (Ego-) Gesellschaft, in der sich die «Rückbesinnung» - um den zunehmenden Orientierungsverlust zu kompensieren - auf sehr eng gefasste ethnische/nationale Identitäten zu beschränken beginnt, und in der die Betonung des Andersseins immer seltener respektvolles Differenzieren meint und immer häufiger zur Diffamierung missbraucht wird. 

Peter Liechti
  

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Auszüge aus dem namibischen Tagebuch von Peter Liechti
Ein wirklich entspannter Umgang mit den Schwarzen dürfte für mich erst einmal schwierig werden; ein irrationales schlechtes Gewissen begleitet mich auf Schritt und Tritt und zerrt mir ein verklemmtes Lächeln ins Gesicht. Die nach wie vor herrschende Unverblümtheit der schwarz-weissen Klassengesellschaft ist jedenfalls gewöhnungsbedürftig - falls man sich überhaupt daran gewöhnen möchte. 

Ein weisser, deutschstämmiger Namibier ist SEHR deutsch, denn er musste seine eigenen Werte, sein Deutschsein dauernd gegen das Afrikanische behaupten, um an der Macht zu bleiben. 
Viele Deutsche taten und tun ihren Job hier nach bestem Wissen und Gewissen (und dass sie tüchtig sind, brauchten sie nicht erst hier zu beweisen), doch offensichtlich ohne die Rechtmässigkeit ihres Hierseins ernsthaft in Frage zu stellen. Erstmals wird mir bewusst, wie jung die Ansicht ist, dass Kolonialismus und Apartheid eine verbrecherische Politik bedeuten.
Wie fühlt man sich als einer, der sich von der Geschichte ins Unrecht gesetzt sieht? 

Windhoek, Ministerium. Nach dem Besuch bei Tarah Shinavene, Director of Audiovisual Media im Ministery of Information and Broadcasting, stellt sich mir eine weitere Frage: Deckt sich das, was wir hier wollen mit dem, woran die Einheimischen hier interessiert sind - oder zumindest sein sollten? 
Shinavene meint zum "Recording" von traditionellen Künsten im Busch: "Dadurch, dass die San ("Bushmen") ihre Tradition und ihre Kunst im Kopf und Herzen bewahrt und auch nur so weitergegeben haben, hat ihre Kultur bis heute überlebt - das konnte ihnen weder verboten noch weggenommen werden. Nun haben die Leute (wie z.B. wir...) begonnen, diese kulturellen Zeugnisse aufzuzeichnen und damit öffentlich zu machen. Gerade damit gerät diese Tradition in Gefahr, sich aufzulösen..."
Wenn ich nicht fest überzeugt wäre, dass dieser Auflösungsprozess längst im Gange ist - der Sündenfall also nicht mehr rückgängig zu machen -, so hätte ich vor diesen Argumenten kapituliert. Ich bin mir aber sicher, dass den heutigen Eingeborenen mehr gedient ist, wenn versucht wird, ihr Erbe in das Bestehende einzubinden, statt sie auch hier noch zu übergehen... 

Die wenigen offiziellen "Künstler" hier scheinen alle sehr beschäftigt - was mich sehr verwundert in Afrika. Wird es auch hier bald so sein, dass ein Künstler, der noch Termine frei hat, so wenig ernst genommen wird wie ein handgeschriebener Brief?
Später lerne ich verstehen, dass es die Leute grundsätzlich lieben, äussere Formen zu kopieren, sich völlig unbeschwert mit den Insignien von "Erfolg" zu schmücken und dadurch im Gefühl zu leben, teilzuhaben an der Lebensart des westlichen Menschen. So habe ich in einer Musikschule Jugendliche beobachtet, die brav nach Noten musizierten - bis ich entdeckte, dass einige Notenblätter auf dem Kopf standen... sie spielten einfach auswendig. 
Wenn Vincent beim Verwandtenbesuch im Caprivi plötzlich eine Goldrandbrille mit ungeschliffenen Gläsern trägt, so handelt es sich um das gleiche Phänomen; er will seinen Leuten unter die Augen treten als einer, der es "geschafft" hat in der Stadt.

Ein Ort namens "Cowboy" im Randbezirk von Katima Mulina im äussersten Caprivi-Zipfel. Es gibt "Cowboy I" und "Cowboy II"; Shorty wohnt in Cowboy I. Er ist völlig betrunken, als wir ihn zur ersten "Session" abholen. Sein Bruder lebt in Windhoek, und es ist Shorty's grösster Wunsch, diesen Bruder dort zu besuchen. Doch, meint Shorty, so wie er aussehe würden ihn die in der Hauptstadt gleich ins Gefängnis stecken... 
(Shorty war 28; kurz nach unserer Abreise ist er bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen.) 

Gegen abend erstmals Giraffen am Strassenrand, ein Jungtier mit seinen Eltern. In zaghaftem Trab ziehen sie sich zurück in den Busch, nach ein paar Metern sind sie nicht mehr zu sehen. Noch lange herrscht vollkommene Stille, dann ist der Zauber vorbei. 
So grosse und so schöne Tiere gibt es bei uns keine zu sehen - unvergleichlich schöne Tiere, vielleicht die schönsten überhaupt. "They are so peaceful and so smart", sagt Vincent... Und mit einem Mal bin ich sehr glücklich, dass es auf diesem Planeten noch Giraffen gibt. 

Ausgewachsene Elefanten schlafen im Stehen; sie sind zu schwer, um aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Nachts im Bett stell' ich mir vor, wie draussen die Elefanten im Busch stehen und vor sich hindösen...

Wo sind diese Menschen, wenn sie sich plötzlich entziehen? Man kann ihnen noch so nahe kommen - plötzlich kommt etwas Unnahbares in ihren Blick, und sie tauchen ab in die Erinnerung... 
Und dann ist es auch schon wieder vorbei, und ihr Lachen lässt alles vergessen.

Oshikuku, Ovamboland. Der deutsche Schäferhund Theodor sei ein guter Wächter, meint die Schweizerin auf der Schweizer Mission. Doch leider sei er ein totaler Rassist, der Hund: Er könne Schwarze nicht leiden, während er zu Weissen der liebste Kerl sei.
Dieselbe Schweizerin erzählt uns dann, dass sie sich vom nahegelegenen Aids-Spital die verfallenen Hormontabletten als Dünger holt; deshalb blühten ihre Rosen so schön. Dann sagt sie, Aids habe vielleicht auch etwas Gutes. Es seien vor allem die dümmsten Mädchen und die frechsten Jungs, die es erwische... 
Meine Hände riechen nach Kotze - wem habe ich hier zuletzt die Hand geschüttelt?

Zuviel Ziegenfleisch gefressen heute; jeden Tag gibt's Ziegenfleisch. Man sollte nicht soviele Ziegen essen, Ziegen sind nicht eigentlich zum Essen da. Ziegen sind besonders starke Tierpersönlichkeiten. Wer zuviel isst davon, kriegt auch einiges ab von der Ziegenseele.

Alle hier sagen, es gibt keine "Namibische Musik", und trotzdem machen sie alle Musik. Jeder seine eigene: Zimbabwe, Caprivi, Namastaff, Angola, Sibirien... und viele machen das, wovon sie gerade glauben, es sei zeitgemäss - schliesslich gibt's hier auch Fernsehen und all den amerikanischen Pop. 
Im Grunde sind die Schweizer die Exoten im Ensemble.

Die Hauptanstrengung liegt in meinem täglichen Kampf gegen den Impuls, aus allem "Sinn" zu fabrizieren, was den einmal eingeschlagenen Weg rechtfertigt. 
Vielleicht kommt man irgendwann an einen Punkt, wo es schlagartig einfach wird, wo das "Echte" keine Anstrengung mehr ist, wo man endlich was SIEHT.

Einmal, während einem Zwischenhalt auf der Fahrt durch die Mondlandschaft des Namib Naukluft Parks, wollte ich ein Stück Brot essen. Nach den ersten Bissen hielt ich irritiert inne - meine Kaugeräusche, so kam es mir vor, waren weitherum zu hören; ich wagte nicht länger, einen solchen "Lärm" zu machen. Die Stille rundum war einfach total...
Das andere Mal befand ich mich mitten in der Stadt. Im College for the Arts sang gerade der junge San sein erstes Lied. Ein Gesang von wunderbarer Feinheit und so leise, dass man ganz nahe ran gehen musste, um ihn richtig zu hören. Erst war ich sehr erstaunt, dann erinnerte ich mich an mein Erlebnis in der "Mondlandschaft", und ich begriff, dass dort in der Kalahari, wo diese Leute herkommen, eine ähnliche Stille herrschen musste - es gibt also für die San keinen Anlass, laut zu singen... 
Musik, soviel ist mir in Afrika klar geworden, kommt aus der Stille.

Ist Wehmut dasselbe wie Sehnsucht? Beides sind schöne Gefühle, und beide tun weh. Vielleicht ist Wehmut der deutsche Begriff für den "Blues"... Das sanfte Aufgeben einer Utopie; Abschied von der Erinnerung an eine Zeit, in der noch alles hätte besser werden können. 

Die Leute waren freundlich, sehr freundlich sogar, oft auch lustig. Was ihnen fehlte, war die Neugier; sie waren an nichts wirklich interessiert von unserer Seite, es sei denn an einem Job, an unserer Kohle. So etwas Ausgebleichtes, Verbrauchtes lag über dem Land. Durchaus Lebenslust, doch keine Energie... 
Sie hängen, die Menschen hier, hängen herum, hängen durch. Ueberall fehlt die Kraft - nicht nur das Geld - und die tiefergehende Ueberzeugung, dass Aenderungen durch eigene Aktivität herbeigeführt werden können. Menschen, die einfach müde sind von all dem "Struggle" der Vergangenheit, die lieber nichts mehr tun als weiterhin das "Falsche". Und vielleicht ist es gerade diese Passivität, diese Fähigkeit zu WARTEN, die das Land bis heute bewahrt vor blutigen Racheakten - vielleicht müsste diese Interesselosigkeit auch als Friedfertigkeit gesehen werden... 
Oder ist es die Trockenheit, diese fürchterliche namibische Trockenheit, die immer wieder alles verdorren lässt, was mühsam aufgezogen wurde?

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