PETER LIECHTI (1951-2014)
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LE JARDIN DE MON PèRE – L'amour de mes parents (2013, Essay, DCP color 25/24fps, 16:9. HDCAM, DigiBeta, DVD. Sound: 5.1, 93 ')
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Zitate aus der Dialogliste

Statement des Regisseurs

• Synopsis 

Zwei Zitate aus der Dialogliste

«Wenn man hat, was man gerne mag – was willst du noch mehr?
Ein normales Leben, könnte man sagen. Ein ganz normales Leben.»

«Wer von euch bestimmt in dieser Wohnung?» – «Dafür haben wir kein Reglement. Wir beraten uns gegenseitig. Und das, was mich überzeugt, das machen wir dann.»


Statement des Regisseurs

Alle Menschen kommen irgenwann in ihrem Leben an einen Punkt, wo die Eltern (auch die verstorbenen) wieder an Wichtigkeit gewinnen. Spätestens dann, wenn sie selber Kinder kriegen, oder wenn sie irgendwie Bilanz ziehen, eine Lebenskrise zu bewältigen haben, oder sich grundsätzlich neu ausrichten wollen. Plötzlich sind die Eltern wieder ein Thema, plötzlich besinnt man sich auf früher und sucht die Verbindung wieder herzustellen mit der eigenen Herkunft, mit den alten "Instanzen"... Nun bin ich endlich selbst hier angekommen.

Wir stehen alle in einer langen Abfolge von Generationenwechseln, und jede Generation trägt die Errungenschaften, die Wertungen, Traumata und Utopien der vorhergehenden in sich. Deshalb muss uns auch daran gelegen sein, unsere eigenen Wurzeln zu kennen. Ein Bruch mit der Kindheit, ein "Löschen" der persönlichen Hintergründe macht uns zu Entwurzelten.

In früheren Zeiten änderten sich die traditionellen Werte und gesellschaftlichen Verhältnisse nur langsam. Dementsprechend hatte man Zeit, zu lernen und zu verstehen. Sich an Neuerungen zu gewöhnen und sie in die eigene Welt zu integrieren. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gründlich geändert. Die Generation der über 80-Jährigen hat im Verlauf eines einzigen Lebens derart massive Veränderungen und Paradigmenwechsel erfahren, dass sie gleichsam abgekoppelt ist vom heutigen Alltag. Die Alten verstehen nur noch das wenigste von dem, was die junge Generation umtreibt, und die Jungen können sich die Zeit vor 60 Jahren kaum mehr vorstellen. Diesen Bruch empfinde ich als die radikalste Veränderung in der abendländischen Kultur seit ihrem Bestehen; der Riss geht mitten durch unsere Seelen.

Bevor meine Eltern überhaupt Kenntnis genommen hatten von einer sogenannten "Moderne", fanden sie sich bereits in der Zeit nach der "Post-Moderne". Trotz oder gerade wegen ihrer kleinbürgerlichen Immunität gegen gewisse Zeitströmungen verkörpern sie das klassisch "abendländische" Selbstverständnis ihrer Generation. Die Art, wie sie die Dinge sehen und machen, ist längst nicht mehr zeitgemäss, und dennoch empfinden wir es als typisch für "unsere Art". Sie sind Bilderbuch-Schweizer, doch keine Hinterwäldler. Beide sind gebildet und gut informiert – wenn auch aus sehr verschiedenen Quellen:

Mutter prophezeit seit je eine Apokalypse biblischen Ausmasses, den Untergang der Menschheit als Folge ihrer masslosen Gier, der Allmacht des "goldenen Kalbes", der Abwendung von Gott und Enttabuisierung aller Lebensbereiche.

Vater ortet die fortschreitende Degeneration vor allem bei den Jungen: Gewalt und Respektlosigkeit der Jungen gegenüber den Alten. Eltern und Lehrer, die ihre marodierenden Kinder nicht mehr in den Griff bekommen. Die Auflösung "natürlicher" Rollen zwischen Mann und Frau. Die Entwertung realer Arbeit zugunsten von Spekulation und Profit...

Nicht zuletzt geht es mir in diesem Film auch darum, Menschen wie meinen Eltern, die nie im Rampenlicht der sogenannten "Öffentlichkeit" standen und trotzdem – oder erst recht – ihren lebenslangen Beitrag zur Erhaltung unserer Gesellschaft und Kultur geleistet haben, ein kleines Denkmal zu setzen. Und mit ihnen einer ganzen Epoche, die dabei ist, ebenso still und unauffällig zu verschwinden.

Peter Liechti


Synopsis

VATERS GARTEN ist der Versuch einer persönlichen Geschichtsrevision. Ich hatte mich stets als Fremdling gefühlt in meiner Familie – bis ich fast schockartig bemerkte, wie ähnlich wir uns in Wirklichkeit sind. Und je häufiger ich meine Eltern sehe, umso mehr rührt mich ihr hohes Alter, ihr langsames Verschwinden aus diesem Leben, das Einschlafen eines ganzen Erinnerungsreservoirs. So erzählt dieser Film denn auch keine "Geschichte vom verlorenen Sohn", sondern vielmehr die "Geschichte von den verlorenen Eltern".

Meine Eltern verweigern den Computer, sie wollen nicht ins "Netz", sie denken nicht "global". Beide beklagen den allgemeinen Verlust an Identität und Freiheit, das Verschwinden von Respekt und moralischen Werten in unserer Gesellschaft. Sie repräsentieren das typisch schweizerische Kleinbürgertum, ihre Ansichten sind dezidiert konservativ. Mein halbes Leben lang war ich davon überzeugt, alles anders machen zu müssen als sie, auch anders zu denken und anders zu fühlen. Und heute ertappe ich mich immer öfter dabei, wie ich ihre, die "alten Werte" verteidige gegen die Vulgarität des zeitgenössischen Materialismus.

VATERS GARTEN ist nicht nur ein Portrait meiner Eltern. Vielmehr geht es um die filmische Verdichtung eines Lebensgefühls, stellvertretend für das Lebensgefühl einer ganzen Epoche, deren Ende längst eingeläutet wurde.

Um der Gespaltenheit meiner eigenen Position Ausdruck zu verleihen, werden die Interviews und intimeren Familienszenen als Kaspertheater nach-inszeniert, in welchem auch die "Geister der Vergangenheit"ihren Auftritt haben. Die Puppenbühne vertritt gleichsam die eigene Kinderstube und die kleinbürgerliche Enge – damals wie heute. Durch die Verschränkung von dokumentarischer Beobachtung und fiktionalisiertem Familien-Tribunal entsteht ein sehr persönlicher Kosmos, der jederzeit offenlegt, dass hier ein Beteiligter am Erzählen ist. Eine Geschichte, die sich ganz aus der "Synergie einer schwierigen Begegnung" entwickelt.

Peter Liechti

 

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