PETER LIECHTI (1951-2014)
Ricerche : Contatti  
Film / Libri : Collaborazioni : Bio/Filmografia : Premi : Testi 
Attualità : DVD/Libri/VoD : Download : deutsch : français : english : 中文
 
LA VALIGIA DI SIGNER – Unterwegs mit Roman Signer (1996, Documentary/Essay, 16mm 3:4. 35mm 16:9 Dolby Mono. HDCAM-SR. DigiBeta. DVD. , 82 & 52(TV)')
Index : Clips/Trailer : Cast : Testi sul film : Stampa : Distribuzione, vendite, indicazioni techniche : Downloads


Das ist schon wirklich lustig. Da steht ein Mann in einer Winterlandschaft. Neben ihm im Schnee steckt eine kleine Rakete, die durch ein Band mit seiner Skimütze verbunden ist. Rakete fliegt in Himmel, Mütze fliegt in Himmel, Mann schaut hinterher. Schnitt. Das Werk des Schweizer Künstlers Roman Signer atmet die anarchische Heiterkeit der Fluxus- und Performance-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre, wobei seine große Leidenschaft dem Schwarzpulver gehört. Er ist der Sprengmeister der Kunst. Und schon wieder fliegt ein Tisch oder eine Batterie Stühle durch diesen Film. „Signers Koffer“, über viele Jahre und auf vielen Reisen entstanden, ist kein Künstlerporträt, keine Annäherung an eine Strömung oder Biografie. Vielmehr haben sich in diesem Film zwei Experimentierfreudige zu einem Projekt zusammengetan, das Grenzen auslotet – jeder mit seinem Handwerkszeug im Gepäck. Hier Roman Signers Versuchsanordnungen und Aktionen mit extrem kurzen Verschlusszeiten (die Natur der Sprengung, das Spiel mit den Elementen), dort Peter Liechtis virtuose Organisation und filmische Bearbeitung des Materials, die Signers Skulpturen des Augenblicks um die Magie des Kinos erweitern – visuell wie auf der Ebene der Töne, Geräusche und Stimmen. Entstanden ist eine emotional und gedanklich vielschichtige Reise entlang der „magisch aufgeladenen Landschaftsrillen“, wie Signer seine Wege quer durch Europa bezeichnet. Was das wiederum mit der „idealen Reisegeschwindigkeit“ zu tun hat, kann nur im Kino erfahren werden.

Matthias Heeder, Katalog DOK Leipzig 2013


This is really funny. We see a man standing in a winter landscape. Next to him a small rocket is stuck in the snow, tied to his ski hat with a ribbon. Rocket launches into sky, hat launches into sky, man watches. Cut. The works of Swiss artist Roman Signer are informed by the anarchic cheerfulness of the Fluxus and performance movements of the 1960s and 70s, though his greatest passion is gun powder. He is art’s chief blaster. And once again a table or a row of chairs blow up. “Signer’s Suitcase”, filmed over many years and on many journeys, is neither an artist’s portrait nor the study of a movement or biography. Instead, two gleeful experimenters have collaborated on this project that explores boundaries – each bringing the tools of his craft. On one side are Roman Signer’s setups and actions with extreme shutter speeds (the nature of explosions, the game of elements), on the other Peter Liechti’s brilliant organisation and adaptation of the material, which expands Signer’s sculptures of the moment by the magic of cinema – on the visual level as well as on that of sounds and voices. The result is an emotionally and intellectually complex journey along the “magically charged furrows of the landscape”, as Signer calls the routes that took him across Europe. What this in turn has to do with the “ideal speed of travel” can only be experienced at the cinema.

Matthias Heeder, Catalogue DOK Leipzig 2013


Signers Spiele mit Feuer, Eis und Wasser.
Christoph Egger, 27.03.2012, NZZ
Der Dokumentarfilmer hier ist kein Wissenschafter. Deshalb zeigt er die doch ziemlich weit aufgerissenen Augen des Probanden, der so lang übers Eis des Weihers gegangen ist, bis er eingebrochen ist, nicht allzu lang und impliziert durch eine Schwarzblende die erfolgte Rettung (anstatt etwa den Untergang des Künstlers zu dokumentieren). Das hat, bei allem unwillkürlichen Erschrecken, doch auch etwas sehr Komisches. In der Tat spielen die Aktionen des Roman Signer gern in den Bereichen von Heiterkeit und Schrecken. Und auch wo es nicht gerade um Leben und Tod geht, sind sie doch existenziell, wie er in «Signers Koffer» wiederholt erläutert – auch bildlich, etwa wenn er von einer turmhohen Brücke ein schweres Gewicht auf genau die Stelle niederkrachen lässt, an der er wenige Sekunden zuvor noch gestanden hat.
Peter Liechtis Film von 1995, der nun HD-gemastert neu auf DVD vorliegt, ist in seinen 24 kurzen und längeren Kapiteln kein Porträt des Künstlers, sondern gleichsam die Matrize von dessen Erfahrungen: zugleich Werkzeug und Archiv seiner Aktionen. (Bedauern mag man, dass die nun doppelt historisch gewordenen Aktionen des Künstlers für die Reedition nicht datiert worden sind.) Denn wie die Musik entfaltet sich Signers Kunst in der Zeit, die hier ihr Trägermedium gefunden hat: komprimiert auf den einen Augenblick der Explosion, poetisch gedehnt in der Zeitlupe, gefasst in den Bildrahmen der Kamera. Zauberhaft, auch in den aufgerauten Schwarz-Weiss- Bildern Liechtis, sind die Fahrten im Kabinenroller, in dem der Künstler als «Pick-up» den «Landschaftsrillen» entlangfährt. Kühn die Momente auf Stromboli, wo der liparische Koloss düster auf das Geschehen zu seinen Füssen herunterblickt und der Adept des Vulcanus den Blick in die keuchende, rauchende Werkstatt des Gottes wagt, magisch, traumverhangen diejenigen auf Island, wo er ihm mit dem Urlaut eines über die vulkanische Landschaft hin gewaltig verstärkten mitternächtlichen Schnarchens Reverenz erweist.
 

Von einem der auszog, mit dem Feuer zu spielen, Christoph Egger, 13.10.1995, NZZ
Roman Signer in «Signers Koffer» von Peter Liechti
Der 1938 geborene Appenzeller Roman Signer arbeitet als Aktionskünstler mit allen vier Elementen. Aber so selbstverständlich ihm die Erde, so essentiell das Wasser und so unentbehrlich die Lüfte sind über ihnen allen steht doch das Feuer. Diesen Eindruck zumindest vermittelt Peter Liechtis Film, der auf spannungsvolle und vergnügliche Weise zur Dokumentafion und Interpretation der Signerschen Aktionen geworden ist. Dabei nimmt er beiläufig Themen und Verfahren auf, die das Werk des 1951 in St. Gallen geborenen, in Zürich lebenden Filmemachers charakterisieren und die sich in Titeln niedergeschlagen haben wie «Ausflug ins Gebirg» (1986), «Kick That Habit» (1989) oder «Grimsei» (1990). Und obwohl «Signers Koffer» nun Peter Liechtis erster langer Film geworden ist, ist für ihn doch auch die Struktur des Offenen, Improvisierten, ja Bruchstückhaften und bewusst Fragmentarischen bezeichnend, die schon die früheren Arbeiten besassen.

Bei beiden, bei Signer und bei Uechti, steht die Auseinandersetzung mit der Natur im Mittelpunkt des Interesses: desjenigen an ihren «Gesetzen», an der Indifferenz, mit der sie Signers, aber letztlich auch allen übrigen menschlichen Aktivitäten gleichmütig ihre Kräfte bald entgegenhält, bald zur Verfügung stellt; und desjenigen an der Landschaft und ihrer Schönheit, die eben nicht mit interesselosem Wohlgefallen zu bewachten wäre, sondern unterm Aspekt ihrer Indienstnahme durch den Menschen, die bis zu den grauenhaften Verwüstungen von Bitterfeld reicht. Wenn Roman Signer in seinem geliebten Kabinenroller unterwegs ist, der für ihn wie später der Trabi alle Qualitäten eines Lebewesens zu besitzen scheint, dann vergleicht er sich mit dem Pickup eines Plattenspielers, der einer «Landschaftsrille» entlangfährt, und fühlt sich als «Aufpicker von Landschaftserlebnissen». Was ein Plattenspieler nicht soll, lehrt dann die Installation, in der eine Zündschnur einen Zementsack dazu bringt, eine schmissige Marschmusik abrupt zum Verstummen zu bringen.

Der Witz, der vielen Aktionen Roman innewohnt, rührt zumeist aus einer Versuchsanlage, bei der sich die wohlkalkulierte reactio der Naturkräfte im Knalleffekt entlädt. Er kann sich aber ebenso als allmählicher Prozess äussern wie beinah «metaphysisch» daherkommen und erst im nachhinein seinen tieferen Sinn offenbaren: etwa wenn Signer mit Schuhen, aus denen bei jedem Schritt Knallfrösche zischen, gravitätisch durch eine Halle schreitet. In Island wird er denselben Gang unternehmen, nun aber über ein Lavafeld bis zum Meer hinab, wo ein Eisblock dümpelt, um den jetzt rings die «Pfüpfe» verglühen.

Feuer und Eis: Der Film schichtet gleichsam die Bausteine von Signers Faszination aufeinander, um sie schliesslich im Oxymoron Island gipfeln zu lassen, im Neben, ja Ineinander von Wasser und Glut, wenn die vulkanische Energie im Erdinnem die Eruption des Geysirs mit einer märchenhaft türkisgrün sich aufwölbenden Heisswasserblase ankündigt. Doch zuvor kommt, am entgegengesetzten Ende Europas, die Vulkaninsel Stromboli. Signer erweist dem steil aus dem Meer aufsteigenden Berg seine Reverenz, indem er direkt am Strand unter einer Pfanne auf einem Stativ einen Vulkan abbrennt, der sich in kürzester Zeit durch den Pfannenboden gefressen haben wird. Dann erst steigt er zum Kraterrand auf, über den gelbliche Schwefelschwaden quellen ein geradezu höllischer Anblick, der erahnen lässt, was Peter Liechti bestätigt, dass es sich dabei um eine ungemütliche und für die Equipe keineswegs ungefährliche Cbung handelte. Der gewaltige, keuchende Schlund lässt die Menschen winzig und ihre Aktionen lächerlich erscheinen. Signer spricht denn auch davon, dass man angesichts eines solchen Kolosses nur hoffen könne, dass er einen vertrage und nicht zornig werde. Was dem Menschen geschieht, wenn der Berg tatsächlich wütend wird, daran erinnert das Bild eines Leichnams aus Pompeji, dessen «Verflüchtigung» dann das zauberhafte Wehen und Schwingen eines riesigen Vogelschwarrns vor einem hellen Abendhimmel auszudrücken scheint.

In der Schweiz gibt es keine tätigen Vulkane? Der brevetierte «Sprengbefugte Kat. B» Roman Signer setzt der «vulkanischen» Silhouette des Kamors im Alpstein vermittels eines grösseren Quantums Schwarzpulver einen passenden Rauchpilz auf. In der Schweiz gibt es dem Abbruch geweihte alte Kurhäuser? Grund genug, an der Fassade desjenigen in Alvaneu eine Havarie mit einem Modellhelikopter herbeizuführen und die oberste Fensterladenreihe desjenigen in Weissbad auf einen Schlag durch gleichzeitig gezündete Raketen aufreissen zu lassen. Zugleich hat nun der Film die Regie übernommen. In einem Vorgang von schöner Leichtigkeit kommen jetzt die Schemel geflogen: bald einzeln, bald im Verband, hier in Zeitlupe, dort in Normalgeschwindigkeit, um in unterschiedlichem Zerstörungsgrad liegenzubleiben. Später wird ein blendendweisser Tisch auf einem schwarzen Lavafeld in Island plötzlich in unglaublicher Schönheit von Feuergarben emporgehoben und dann auf den Rücken geworfen werden.

Roman Signer liebt es jedoch nicht nur, mit dem Feuer zu spielen - auch dessen Gegenpart will erprobt sein. So geht er denn übers Eis, bis es bricht, und die doch ziemlich weit aufgerissenen Augen des Probanden verraten, dass er hier nicht in seinem Element ist. Freilich kann er's nicht lassen und schon steht er, angetan mit brusthohen Fischerstiefeln, unter einem grossen Fass, das er zuvor mit Wasser gefüllt hat und aus dem sich ihm nun der Strahl in seine Montur ergiesst, bis ihn das Gewicht zu Boden drückt. Erst in Island wird ihm die Versöhnung gelingen: wenn der weisse Tisch, getragen von vier Blechdosen, in einem Kratersee wie über eine tiefblaue Lagune schwimmt. «Fast wie eine Hostie», wird Signer sagen, «so eine Art Zungenschmelz».

Neben der Süd-Nord-Achse, in deren Mitte die Schweiz liegt, findet sich auch die Linie. die nach Osten weist nach Polen, wo Roman Signer jeweils seine Schwiegereltern besucht. So wie er von hier seinen Koffer - der nicht nur die Ausrüstung des Feuerwerkers aufnimmt und nicht nur, wie in Liechtis Kurzfilm «Théâtre de l'ésperance» (1987), über Brücken geworfen werden kann - jeweils mit faszinierenden armseligen Spielsachen gefüllt zurückbringt, so findet er hier wohl auch zu neuen Ideen. Was passiert, wenn er von seinem Stuhl vor einem Wartehäuschen irgendwo in einer verkommenen abendlichen Landschaft aufsteht, muss man gesehen haben.


Die WochenZeitung zu Signer Koffer, Martin Schaub
Signer ist der Clown des beginnenden elektronischen Zeitalters, ein «Romantiker der erstn technologischen Revolution», Liechti folgt ihm ein Stück weit in die Melancholie. Er ironisiert sie mit den Musiken, welche die Situationen der Ballade (des Spaziergangs) grundieren; er ironisiert sie auch mit den komplexen Gebrauch der Videotechnik. (…)
Signers Koffer ist einer jener gehirnerfrischenden Filmessays, die alle gerufenen und ungerufenen Assoziationen ins Spiel bringen, vor allem auch jene der Betrachter und Betrachterinnen. Liechti ist nicht aufs Festschreiben aus, sondern auf Offenheit; wie Signer selbst akzeptiert er das Misslingen, die Macht der Umstände.


Aargauer Tagblatt, Hans M.Eichenlaub
Ein Schauvergnügen erster Güte. Dass man dabei den publikumsscheuen Künstler auch noch ein Stück weit kennenlernen darf, ist quasi das Dessert.


SIGNERS KOFFER von GJ, taz Berlin, 1997
Seine slapstickartigen Aktionen am Oranienplatz «Installationen» oder «Performances» zu nennen, wäre ein Frevel. Dazu sind sie zu genial. Und zu lustig. «Ob es gewaltig oder lächerlich wird, ist mir egal», sagt Roman Signer. «ich stelle mir etwas in der Phantasie vor und dann probiere ich es aus. Es muß ja nicht gelingen.» Roman Signer macht Zeugs, das man sich manchmal vorstellt und dann aus allen möglichen Gründen doch nicht tut: herumzündeln, etwas von ganz hoch 'runterfallen lassen, mit Knalltschen an den Schuhen herumlaufen, einen ferngesteuerten Hubschrauber voll in einen Fensterladen krachen lassen, Stühle synchron aus Hotelfenstem katapultieren. Herrlich. Und Roman Signer hat noch mehr in seinem Koffer. «Eigentlich brauche ich keine Zuschauer», meint er. Zum Glück war Peter Liechti dabei. Ein unvergeßliches Erlebnis, auch im Kino.


DEN ESSAY VERSUCHT UND GEMEISTERT von Andreas Furler, Tages-Anzeiger, September 1995
Wie weit kommt man, wenn man auf einem kommunen Reisekoffer eine Bobbahn befährt? Was bleibt von einem Plattenspieler übrig, wenn ein 50-Kilo Sandsack aus fünf Meter Höhe darauffällt? Wie tönt es, wenn man Geschnarche über eine Stereoanlage in die Landschaft schickt? Kinder und Künstler fragen so - so zweckfrei, so grundsätzlich neugierig. Eines, einer von ihnen ist der Apperizeller Roman Signer. «Signers Koffer» heisst der kongeniale Film, den Peter Liechti dem Action-Künstler gewidmet hat.

Signers Passion ist der Versuch. Er schiesst Bänder über den Stromboli, um zu sehen, wie sie der Hitze trotzen. Er sprengt Küchenhocker aus einem stillgelegten Hotel und geht mit Heulem an den Gurnmistiefeln über Eismeerstrände. Traumhafte, unwiederbringliche, einsame Momente sind das.

Der Film gibt ihnen Dauer und ein Publikum, ohne den Traum zu zerstören: Wir reisen mit Signer, warten, was pasi siert, und freuen uns kindlich, wenn die i Rakete die Kappe vom Kopf des Künstlers reisst. Lokale Kapellen signalisieren die Ortswechsel; schamhaft sagt Signer, was ihn bewegt. Kommentar ist nicht nötig, alles erschliesst sich über die kluge Montage der Büder (Dieter Gränicher) und die Struktur des Ganzen: Am Anfang dominiert der Humor. Irrwitzige Experimente verführen zum näheren Schauen und Hören. Allmählich begreift man Signers Suche nach archaischen Welten. Der langjährige Polenreisende liebt urtümliche Gegenstände wie den Trabi und trauert ihrem Verschwinden zugunsten von schnellem Verschleiss nach.

Schliesslich eröffnen sich die weiteren Dimensionen der Experimente: Im industriellen Seuchengebiet von Bitterfeld bläst Signer einen Ballon zwischen den Beinen eines Hockers auf. Man fragt sich, was zuerst kaputtgehen wird der Ballon oder der Hocker , und ahnt unversehens, dass es hier um das Wechselspiel zwischen Mensch und Umwelt geht. So öffnet sich «Signers Koffer» achtzig Minuten lang immer weiter und klappt just zu, wo man innerlich danach schreit.


DAS KIND IM MANN von Claus Löser, Berliner «tip» November 1996
Peter Liechti ist ein turbulentes Porträt des Schweizerer Aktionskünstlers Roman Signers gelungen.
Ein leerstehendes verfallendes des Kurhotel irgendwo in der Schweiz. Plötzlich blitzen Feuerwerkskörper auf, synchron öffnen sich die Fensterläden der oberen Etage. Momente später wird wiederum gleichzeitig jeweils ein Hocker aus jedem der Fenster katapultiert. Die Möbelstücke zerschellen auf dem Vorplatz; Skulpturen des Zufalls, ein absurdes Stilleben. Urheber dieses Zustandes ist der Aktionskünstler Roman Signer aus Polen stammend, heute wohnhaft in der Eidgenossenschaft. Seine Passion sind Versuchsanordnungen, deren Ausgang völlig ungewiss ist.

Die Dynamik seiner Aktionen ergibt sich stets aus der zielstrebig herbeigeführten Konfrontation der eigenen Person mit unberechenbaren Naturgewalten. Wasser, Erde, Luft und vor allem Feuer sind deshalb seine Elemente. Der Film begleitet Roman Signer bei der Suche noch idealen Schauplätzen, die seinem künstlerischen Konzept entgegenarbeiten. So erleben wir den Krater des Stromboli, über dessen Schlund Signer Raketen mit sehr langen roten Bändern schießt. Beim Besuch seiner Eltern im südpolnischen Zakopane entdeckt er den «Trabant» als archaisches Fortbewegungsmittel, das ebenso im Verschwinden begriffen ist wie eine alte Wassermühle oder die kuriosen Wirtehäuschen des staatlichen Omnibusnetzes. Letzte Station ist schließlich Bitterfeld, «als Beispiel für vorweggenommene Apokalypse".

«Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel», konstatierte schon Friedrich Nietzsche in «Jenseits von Gut und Böse». Denn Spiel ist nicht Selbstzweck, Spiel ist Simulation von existentiellen Situationen, ist Probelauf für die Reailtät. Aktionskunst, wenn sie denn dieser Prömissen gewahr ist, könnte konsequente Umsetzung einer solchen These sein.

Signer parodiert das Feierliche allgegenwärtige Vernunftdenkens und besteht dabei gleichzeitig auf testamentarische Ernsthaftigkeit. Sein Porträt ist eine hochvergnügliche Exkursion zu den Randzonen der Existenz, in jene Beteiche, wo sich Erhabenheit und Nonsens auf beruhigende Weise vermischen.


Peter Röllin über den Film SIGNERS KOFFER von Peter Liechti, Sommer 1995
Wunderbar und auch signalhaft für das Schaffen des heute 57jährigen Künstlers Roman Signer startet der neue Film von Peter Liechti. Auf dem Monifor eines Flugsimulators eröffnet ein kleiner, laut dröhnender Hellkopter in insekthaften Drehungen den Zauber. Sekunden später steigt er als realer (Modell)Helikopter wie eine neugierige Libelle vor die zugenagelten Fenster des verlassenen Kurhauses Alvaneu in Graubünden auf. Dem kühnen Spiel folgt schliesslich der ernste Moment. Das Flugobjekt wendet plötzlich und prallt in voller Fahrt in eine der lottrigen Fensterverbarrikadierungen. Dem kurzen HochMut folgt der jähe Fall.

Vertraute in der Grammatik von Signers Aktionen werden zustimmen: Es musste so kommen. Das bestätigen auch Signers eigene Super8Dokumentationen der letzten zwanzig Jahre, die fester Bestandteil seiner Arbeit geworden sind. SIGNERS KOFFER unterscheidet sich aber wesentlich von diesen Super8Aufzeichnungen. Der Film vereint in einem künstlerisch höchst anspruchsvollen Montageverfahren rund 30 Signersche Ereignisse und Wegstationen. Die speziell für diesen Film inszenierten Aktionen machen aber auch deutlich, dass Signer neben den spektakulären und explosiven Ereignissen nun vermehrt auch eine eigentliche Kultur der Langsamkeit und der stillen Betrachtung sucht. Der Aktionist ist zum kleinen und ehrfürchtigen Collaborateur der grossen Natur geworden.

SIGNERS KOFFER bewegt sich im geografischen Spannungsfeld zwischen Schweizer Alpen, Stromboli, Polen und Island, eben da, wo der gebürtige Appenzeller wirklich geboren zu sein scheint: an den Feuerstellen der Götterberge, der Vulkane, der heissen Springquellen und Thermalkraftwerke, der heidnischchristlichen Prozessionen und Tanze. Oder in Polen, dem Land seiner ersten Ausbildung als Bildhauer und dem Herkunftsland seiner Frau. Überall finden Signers seelische Kompressionen ihre direkten Ventile: Flatternde Bänder im Vulkanwind, riesige kreisende MigJets im Lunapark und kleinste Kinderpuppen aus Plastik stehen in dichter Nachbarschaft. Die wohl intimste Einstellung in diesem grandiosen KünstlerPortrat: Zwei von einem Zelt abstehende Lautsprecherboxen übertragen Signers Schnarchen in eine weite und stille Ebene auf Island. Signer wird da selbst zum Teil der Landschaft und scheint mit den Göttern zu kommunizieren.

SIGNERS KOFFER ist in zweierlei Hinsicht höchst bemerkenswert. Zum einen ist es Peter Liechti gelungen, über die äusserst aufwendige Schnittarbeit eine Vielzahl heterogener Höhepunkte und Ausbrüche auf einer einzigen Filmrolle nahtlos zu verbinden. Dank der laufenden Wechsel und spannenden Übergänge halt dieser Koffer seinem explosiven Überdruck überhaupt stand. Liechtis Montageverfahren erinnert in mancher Hinsicht an diesbezügliche Leistungen in der russischen Moderne.

Zum andern werden die zwischen Signers Aktionen eingebetteten verbalen, musikalischen und tänzerischen Beschwörungen einheimischer VulkanAnwohnerInnen zu einem auch volkskundlich packenden Erlebnis, wie die religiösen, ekstatischen Mariengesänge und Tanze der Compagnia della Tammorra von Pompei, die monotonen Gesange der Twisingers und die EddaLieder des altgläubigen BauernDichters Svenbiörn Beitansson auf Island. Die von der Appenzeller Dorf und Blasmusik 'Harmonie' vorgetragenen Zduerli verbinden Signers eigene Kindheit mit lokaler Gegenwart; sein Vater stand eben dieser 'Harmonie' viele Jahre als Kapellmeister vor.
Ton und Musik führen als tragende und lebendige Ebene durch den ganzen Film. Ganz anders dann die Melodien traurigverbrauchter DancingBands aus heruntergekommenen polnischen StaatsHotels. Die nostalgischen Lieder berühren in ihrer Sentimentalitöt Klänge vom Ende einer Ära. Aber auch Signers eigene Stimme setzt im Film wichtige StimmungsAkzente. Melancholie und Trauer über die Zerfollserscheinungen der eigenen Zeit schwingen mit, wenn sein bildhafter Kommentar das filmische Geschehen begleitet.

Bedrohliche, seltsam verunsichernde Gefühle steigen beim Anblick von Badenden im ÜberlaufBecken einer belastenden Roffinerie in uns auf. In Wirklichkeit aber baden die Leute in sauberstem, mineralhaltigem Quellwasser eines vulkanisch aufgeheizten Thermalkraftwerdes auf Island. Mit viel Lust und Ironie durchkreuzt dieser Film auch unsere Erfahrungsmodelle und sensibilisiert uns für die grossartigen Kröfte der Natur und unseren fragwürdigen Umgang damit.

Mit SIGNERS KOFFER ist ein Film entstanden, der die Zuschauerlnnen bereichert und mit geschärften Sinnen wieder in den Alltag entlässt.

SIGNERS KOFFER, de Jean Perret in catalogue «Visions du réel» 1996
Parce qu'il aime jouer le feu, qu'il fait exploser des tables et des valises ou qu'il tire au pistolet dans des barils d'eau et envoie des ballons à travers des vallées. Roman Signer arrive toujours à nous captiver. Par les mises en scènes qu'il crée, il réussit dès le début de chaque action à nous maintenir dans le suspense de leur déroulement. Des mèches brûlent, des liquides se répandent, ou des hélicoptères volent. Le spectacle commence. Pourtant Signer est là. tel un fonctionnaire: il met en place des éléments, exécute son action, et s'en va. En fait, ses actions qui font du bruit et impressionnent ne se veulent pas spectaculaires. Au contraire, elles sont comme des évidences du dérisoire et de l'ironie.

Signers Koffer est une sorte de road movie le long du sillon naturel chargé de magie qui traverse l'Europe: des Alpes Suisses en Pologne orientale, du Stromboli à l'Islande… Ce film est une tentative de grande envergure pour trouver le rythme idéal du voyage. Roman Signer balise nos étapes à l'aide de ses instruments très personnels; interventions d'une séduisante concision et pleines d'un humour subtil. Un exercice de funambulisme entre espliéglerie et mélancolie.

Il y a la pesanteur du corps et la légèreté de l'esprit, la conscience de son poids spécifique et le rêve de le transcender. C'est là l'histoire fatale et magnifique du cinéma comme de l'art en général, qui consiste à se défaire de la lourdeur des machines et des organisations afin de gagner la liberté d'imaginer des spectacles, des objets, des territoires affranchis. Quand Peter Liechti, cinéaste, décide de prendre pour personnage principal Roman Signer, artiste conceptuel, il devait être évident qu'il ne s'agissait pas de céder à l'académisme du film portrait, mais bien au contraire de stimuler les énergies de lévitation et de circulation des idées, des visions, des corps, des fusées et des tables flottantes. Car ce dont s'empare le film avec une délicatesse infinie est le pouvoir d'intervention d'un homme qui ne cesse de dialoguer avec les éléments fondamentaux, la terre, le feu, l'air et l'eau. Il imagine des dispositifs, parfois sur le plan technique fort élaborés, mais dont les effets spectaculaires sont toujours d'une sereine sobriété. Roman Signer est extrêmement drôle dans ce qu'il conçoit et parfaitement sérieux et concentré, comme un enfant qui se soumet corps et âmes aux règles de ses jeux.

A l'imagination vagabonde de l'artiste correspondent des voyages au loin auxquels le film nous convie. Des régions archaïque de la Suisse centrale à la Pologne (admirable promenade à bord d'une Trabant!), de l'Allemagne de l'Est à l'Islande en passant par Stromboli (écarlates rubans propulsés audessus de la béance noir de l'Etna!), Signer et Liechti prennent la mesure de territoires grandioses et éprouvants. Leurs capacités d'attention et d'écoute sont complémentaires et fraternelles. Alors que Signer invente et exécute des actions qui renvoient sans discontinuer à la réalité physique et psychique des lieux qu'il arpente, Liechti regarde et écoute tout particulièrement les musiques et les chansons qui resserrent les liens sociaux, expriment les identités culturelles, les vagues à l'âme et les solitudes. Par ailleurs, Signers Koffer est un mystère. Celui d'un homme jamais complaisant avec luimême (les brefs entretiens disent sa pudeur, sa timidité), qui n'offre pas de prise à la caméra et qui pourtant s'impose avec l'évidence d'un humour grave et revigorant. Et c'est bien parce que Peter Liechti ne voulait d'aucune façon faire violence à son personnage (en essayant par exemple d'expliciter son oeuvre) qu'il parvient à distiller les accents d'une ivresse métaphysique.


Chicago Reader, November 3, 2009

The Visual Music of Swiss Director Peter Liechti

By Peter Margasak

The Umbrella Music Festival officially starts Thursday night with the six-act “European Jazz Meets Chicago” mini fest at the Chicago Cultural Center. But several visiting artists are getting an early jump by playing shows on Wednesday night. The Hideout presents two ad hoc groupings of top-notch European players, among them guitarist David Stackenas, drummer Martin Brandlmayr, and reedist Liudas Mockunas, and Swiss reedist Hans Koch plays a solo set presented by the Renaissance Society at the U. of C.'s Bond Chapel. (Koch also plays a free solo set Friday at 4 PM at Corbett vs. Dempsey that isn't officially part of the festival.)
Koch is still best known for his longtime participation in an excellent trio with cellist Martin Schütz and percussionist Fredy Studer. But on the recent Synopsis (Altrisuoni), he makes great music with two players I’m unfamiliar with—trombonist Denis Beuret and guitarist Vinz Vonlanthen. Koch concentrates on his rich bass clarinet vocabulary, full of his usual striated whinnies and wails and percussive pops and thwacks, and through the 24 pieces were recorded over a two-month period in nine different locations, the trio is exceptionally coherent, shadowing and complementing one another’s improvised utterances as if they were all planned out in advance.

I recently kicked off a personal DVD-watching marathon with a vibrant documentary of a month-long engagement that Koch, Schütz, and Studer engineered and presented at a warehouse that they’d transformed into a makeshift nightclub. Hardcore Chambermusic—A Club for 30 Days, released on DVD by Intakt Records in 2007, is the work of Swiss director Peter Liechti, who synthesizes a ton of material into a concise 70 minutes, building the density, tension, and drama of the music as the film proceeds. Performance footage is interspersed with abstracted images of the warehouse space and postconcert discussions with the musicians on the nature of improvisation, both as a general practice and as it’s evolved for this particular trio during their time together. Though the talk could’ve ended up boring and dry, by seamlessly illustrating many of the points with actual performances Liechti maintains the film’s organic flow.

Still, compared to some of Liechti’s earlier work, Hardcore Chambermusic is rather conventional. Earlier this year Drag City Records released two of the director’s most compelling and entertaining documentaries on DVD. Kick That Habit was made back in 1989, a kind of experimental portrait of the great Swiss improvising duo Voice Crack that combines grainy black-and-white footage of the group performing in a warehouse space with elliptical landscape shots of remote, wintry Switzerland, in the mountains and on the water. The subtitle of the film is “A Sound Movie,” and indeed, the soundtrack is integral, and sometimes it seems like the images are actually secondary. In one particularly great scene the musicians sit around a table eating and preparing some of the homemade electronic noise-making devices they were famous for, and the sounds of eggs cracking or bread being buttered are just as loud, prevalent, and musical as the output of the low-tech machines. The sound design here is pure genius; Walter Murch would love this one.

Signer’s Suitcase: On the Road With Roman Signer is from 1995, and in it Liechti follows around the titular Swiss visual artist—he’s responsible for the photograph on the cover of Gastr del Sol’s Upgrade & Afterlife—as he creates various site-specific “temporary sculptures,” which are really more like quasi-scientific experiments that often involve small explosives. It’s not as formally inventive as the Voice Crack film, but thanks partly to the deadpan humor of its subject and the director’s abrupt editing, it’s a blast to watch. Many of Signer’s “pieces” are patently absurd; in one he dons a pair of hip waders and stands about 20 feet beneath an elevated oil drum filled with water. The container is punctured, the water falls in a steady stream, and Signer positions himself so that it fills the waders to the bursting point—at which point he tumbles over. In one piece he shoots long red ribbons over the enormous mouth of the Stromboli volcano, a gesture that sounds grandiose but turns out pathetic in scale, while in another hilarious scene he flies a toy helicopter into the window shutters of an abandoned Swiss hotel. At the completion of each piece Signer turns and walks away, as if it never happened. Sound is important here too, particularly when there’s a crash or an explosion; in its aftermath the sound seems to evaporate instantly, almost mocking the action that preceded it


SIGNERS SUITCASE by Andreas Furler, November 1998
Spleen also governs the cinematic essay by Peter Liechti, produced in 1995. The subject of Liechti's curiosity, the action artist Roman Signer, originating from the Canton Appenzell is putting questions of the following nature in the course of his artistic production: «How far does a person get, who is riding along a bobsled run, seated on an ordinary suitcase? How does a record player look after having been hit by a 50 kilo bag from a height of 5 metres? And what is the sound made by, a snoring bivouacking Icelander, if broadcast by a stereo set to the surrounding landscape?»

That's usually die way children are putting questions - utterly purposeless, with fundamental curiosity. Roman Signer and Peter Liechti are two such grown-up children, and they both have a passion for experiments. Born in St. Gall in 1951, film director Liechti - in his early experimental pictures. initially on super-8 - showed individualistic portraits of landscapes and musicians. Whereas the artist Roman Signer blasts stools from the kitchen of a closed hotel, walks along beaches of the Arctic Ocean with rubber boots fitted with howlers or shoots brightly coloured ribbons over the crater of the Stromboli volcano in order to test their resistance to heat. The film is thus the happy offspring derived from two related temperaments, providing a certain longevity and a public for Signer's ephemeral experiments, and this without depriving die experimental sites - often selected in a virtually autistic manner - of their dreamlike quality. We are travelling together with Signer, expecting what happens, and then we rejoice childishly at a plain firecracker being set off and tearing the cap from the artist's head by means of a string previously attached to it.

By showing scenes involving local bands and orchestras, Liechti usually intimates the occurrence of a change of place; somewhat coyly but nonetheless with a certain pride, Signer intermittently explains his motives. Any further comment is unnecessary, or rather quite out of the question, as Signer's perplexing effects and happenings are rooted in laconicism and speechlessness. Dieter Gränicher's clever montage gradually unfolds and reveals their true sense. At the very beginning, humour is prevalent; crazy experiments tempt the spectator to observe and listen more intensely. Step by step the search for archaic worlds becomes a constantly recurrent feature: nature's eruptions as manifested by the volcanic island of Stromboli and the Icelandic geysirs do not merely reflect, in an enlarged version, the passion of a pyrotochnist, but also his longing for archaic worlds outside human control.
Small wonder that this traveller to Poland of many years likes «primeval», unsophisticated objects such as the Socialist Volkswagen «Trabi», mourning their disappearance and replacement by soulless throwaway products with a delicate touch of melancholy.

Toward its end, the film opens up a further dimension of Signer's experimental world: in the «industrial desert zone» of the formerly East-German city Bitterfeld, Signer blows up a balloon, kept between the legs of a little wooden stool. Spontaneously, the spectator wonders which object breaks first - the balloon or the stool? And all of a sudden, one perceives that the interaction of man with his environment is really involved. In this way and without any needless «user's instructions» given by the film director, the artist's magical suitcase opens wider and wider during eighty minutes and claps shut at the right moment: just before the magic spell would evaporate.

© 2003-2019 : www.peterliechti.ch  : Colophon :  Inizio pagina : Konzept Claude Brauchli / Programmierung+Entwicklung Mathias Knauer