PETER LIECHTI (1951-2014)
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HARDCORE CHAMBERMUSIC – Ein Club für 30 Tage (2006, Music film, - 35mm Stereo 5.1, SR-D - Digi-Beta - DCP: 24p/s, English subtitles - DVD, deutsche Untertitel,, 72 / 52')
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Interview mit Peter Liechti, Marcel Elsener, St.Galler Tagblatt, 2.12.06
• Peter Liechti über HARDCORE CHAMBERMUSIC
Peter Liechti: Aus dem Expose zum Film: Das Trio
Film und Musik – Eine Korrespondenz 
Peter Liechti: Warum ich den Film mit KSS gemacht habe 

HARDCORE CHAMBERMUSIC – Ein Club für 30 Tage

HARDCORE CHAMBERMUSIC ist ein "reiner" Musik-Film – 72 Minuten lang dreht sich alles nur um dieses Thema. Gespielt wird von der renommierten Schweizer Formation KOCH-SCHÜTZ-STUDER, einem TRIO, das seit fünfzehn Jahren mit grosser Intensität mittendrin steht im internationalen Musik-Geschehen. Im September 2005 laden die drei Musiker zu einer 30-tägigen Performance – "30xTrio": 
Während eines ganzen Monats spielen sie jeden Abend zwei Set, und zwar immer am gleichen Ort, immer zur gleichen Zeit. Die Alte Schlosserei 12 in Zürich West wird eigens für diese dreissig Tage passend ausgestattet ("Buffet für Gestaltung"); der alte "Club"-Gedanke soll in neuer Form Musik und Publikum in einem Raum zusammenbringen: Eine Insel für Hör-Musik mitten im Muzak der tobenden Warenschlacht rundum. Eine Residenz für dreissig Tage, die Möglichkeit zur Konzentration auf eine Sache – für Publikum, Musiker und Filmer gleichermassen. 

KOCH-SCHÜTZ-STUDER ist für mich die grossartigste Gruppe im Lande – heftig und sensibel, wild und kultiviert... anspruchsvolle Musik zum Anfassen. Ihre Sets sind durchgehend improvisiert, und es gehört zum Wesen improvisierter Musik, dass sie auch einmal "durchhängt", längere Zeit einfach suchend bleibt, um schliesslich zu umso reicheren Ergebnissen zu finden. Die filmische Montage lässt uns den langen, bisweilen auch anstrengenden Weg der improvisierenden Musiker zu ihren Höhenflügen raffen und – ohne den kreativen Kampf auszusparen – zu einer musikalischen Strecke verdichten, die uns buchstäblich hautnahe Einsichten gestattet ins Innenleben dieser Musik. Nur mit den Mitteln des Films lässt sich die aufregende Lebendigkeit und Sinnlichkeit eines LIVE-Konzerts einem Publikum vermitteln, das selber nicht physisch dabei sein kann.

KOCH-SCHÜTZ-STUDER sind ausgesprochene Performer mit grosser Liebe zum Theater. Selbst bei radikaler Konzentration auf die Musik sind Ihre Auftritte immer auch visuell attraktiv. Der ganze Film spielt in einem einzigen Raum; der enge Fokus erhöht die Aufmerksamkeit für Nuancen und Unerwartetes, im Detail liegen Reichtum und Vielfalt – eben CHAMBER-Music: Wenn Martin Schütz plötzlich anfängt zu singen, vollkommen vertieft und selbstvergessen; wenn wir miterleben, wie Fredy Studer hypnotisiert ist vom Hall des eigenen Gongs oder sich hinreissen lässt zu wildesten Heavy Metal Beats, oder wie Hans Koch die Kontrabass-Klarinette zum Sprechen bringt... und wie das alles plötzlich anschwillt zu einem elektrischen Gewitter oder sachte in sich zusammensackt und nurmehr dahinschwebt in dünnen Loops – dann sind wir mitten drin in der faszinierenden Welt von Musik und ihren Bildern.

HARDCORE CHAMBERMUSIC ist die aufregende Synthese zweier eigenständiger Ausdrucksmittel, ein musikalisches Abenteuer als filmisches Kammerstück. 

Peter Liechti


Aus dem Exposé zum Film

Das TRIO

Schon früh in ihrer Karriere hatten alle drei Musiker von "Koch-Schütz-Studer" einen intensiven Austausch mit der internationalen Musik-Szene gesucht und gepflegt. Seit 1990 arbeiten sie im TRIO zusammen. Ihre erste CD - mit der auch gleich der internationale Ruf von "KSS" gesetzt war - ist mittlerweile 10 Jahre alt: "Hardcore Chambermusic". Der Titel ist zugleich Programm und umschreibt präzise, was bis heute die Qualität dieser Musik ausmacht: Die extreme Dynamik von skizzenhaften, fast scheuen Improvisationen über durchkomponierte Grooves bis hin zu härtesten Metal Riffs. Nie hektisch, immer konzentriert, immer viel Zeit und Raum lassend - sowohl für die Stille wie das Hinhören und sensible Reagieren auf das Spiel der Anderen. 

Koch-Schütz-Studer bringen Elemente von Jazz und Rock wie auch der zeitgenössischen komponierten und elektronischen Musik auf die Bühne - ohne sich irgendwelchen musikalischen Dogmen zu unterwerfen. Ihre Auftritte basieren gleichermassen auf freier Improvisation - oder besser: dem Instant Composing - wie auf festgefügten Konzepten und durchgespielten Grooves. Virtuos die Mittel digitaler Technik nutzend, integrieren sie auch Sounds aus der aktuellen New Yorker DJ-Szene in ihre Live-Elektronik. Sie beziehen Dichter, oder auch mal ganze (ägyptische und kubanische) Orchester in ihre Konzerte resp. CD-Produktionen mit ein. Trotz ihres hohen musikalischen Anspruchs entsteht nie der Eindruck eines krampfhaften "avantgardistischen" Bemühens oder elitären Abgehobenseins, im Gegenteil: das TRIO bleibt bei aller musikalischen Differenziertheit sehr körperlich - ein eigentliches Musik-Kraftwerk. Ihr Terrain ist, mehr als ich es von irgend einer anderen Gruppe hierzulande kenne, die Performance, das Hier und Jetzt der direkten Begegnung. Aufgrund der Verschiedenheit ihrer individuellen künstlerischen Vergangenheit gerät dieser musikalische Dialog nie zu stereotypen Mustern; dem TRIO zuzuhören heisst auch immer teilzunehmen an einem Prozess.

Neben der ansteckenden Spielfreude liegt die Stärke der Band in ihrer Offenheit für alle anderen lebendigen Formen von Musik - ohne sich dadurch in beliebige "Mixes" zu verlieren. Eine der letzten CDs von KSS heisst "Roots and Wires" - Wurzeln und Drähte. Die "Roots" stünden für ihre unterschiedliche musikalische Herkunft, und zudem für das traditionelle akustische Instrumentarium, auf das man auch in Zukunft nicht verzichten werde, erklärt Hans Koch. Die "Wires" bezeichnen hingegen den reichen Einsatz elektronischer Klänge. Also ist auch hier der Titel Programm: "Roots and Wires", Tradition und Zukunft - eine schöne Umschreibung von musikalischer Gegenwart.


Korrespondenz zu: FILM UND MUSIK

Martin Schütz: "...der Musikfilm! Diesen kann man doch jetzt nicht ausformulieren. Er wird im Zusammenspiel in der ersten Phase dieser 30 Tage eine erste Gestalt annehmen und dann sowieso am Schneidetisch zu Ende komponiert werden! Nimm das Beispiel "LIFE TIED": die Platte, die jetzt aus einem Guss komponiert klingt, besteht aus Konzertaufnahmen von 3 Jahren, in unterschiedlichsten Räumen und Situationen aufgenommen und dann: re-improvisiert, re-strukturiert, re-komponiert am Computer. Das fertige Konzept zur Platte gab es nicht, bevor die Musik da war..."

Peter Liechti: "Manchmal stelle ich fest, dass sich das eigentliche Thema eines Filmes erst im Verlauf der Arbeit herausbildet. Oft wird mir erst im Nachhinein klar, was ich eigentlich gesucht hatte. Die Arbeit am Film - v.a. in der Montage - wird zum persönlichen Forschungsprozess... Wenn es gelingt, diese Erfahrung nachvollziehbar zu machen und mit-zu-teilen, d.h. zu teilen mit dem Publikum, dann bin ich schon sehr zufrieden..."

Martin Schütz: "Ich merke bei mir immer wieder, dass ich ein sehr situativer Typ bin, eher schlecht zu motivieren für Vorkonzepte u.ä., am liebsten rein in die Situation und dann aber auch voll. Und das ist im spezifischen Fall von "30 mal TRIO" für eine Eingabe natürlicherweise nicht unbedingt ein sehr hilfreiches Verhalten, das ist mir schon klar, nur weiss ich im Moment auch nicht, wie ich das handhaben könnte..." 

Peter Liechti: "...dementsprechend mag ich das Experiment - nicht als Neu-Erfindung der filmischen Mittel, sondern als eine bestimmte Versuchsanordnung, innerhalb derer sich ein Film möglichst frei entwickeln kann... Ich brauche eine klare Struktur, die mich von A nach B führt, damit es für mich möglich wird, zu improvisieren. Wie in der Musik. Ich mag es sehr für meine filmische Arbeit, in musikalischen Strukturen zu denken. Und ich möchte mir das auch erhalten können, dass ich nicht dauernd schon weiss, was ich machen werde, sondern dass ich neugierig und suchend bleibe in dem, was ich mache. Mit dem Risiko, dass auch mal etwas völlig schief geht oder eine völlig andere Richtung nimmt, als angenommen."


Warum ich den Film mit Koch-Schütz-Studer gemacht habe

Die Frage - Wo steht das TRIO Koch-Schütz-Studer im Kontext der aktuellen Musikszene Europas? - ist zugleich die Aufforderung an mich, selber Position zu beziehen im kulturellen Leben meines Umfelds: 
Wo steh' ich denn eigentlich heute?

Seit meiner ersten Begegnung mit dem TRIO - während der Dreharbeiten zu Thomas Imbachs "RESTLESSNESS", bei dem ich die Kamera führte - habe ich unzählige KSS-Konzerte besucht. Schon bald ergab sich die erste Zusammenarbeit mit Martin Schütz: die Filmmusik für meinen Dokumentarfilm "GRIMSEL". Es folgte die Filmmusik zu meinem Spielfilm "MARTHAS GARTEN" (für welche Martin Schütz gleich 2-fach ausgezeichnet wurde). Fredy Studer wiederum ist Protagonist in meinem neuesten Kino-Film "NAMIBIA CROSSINGS". Zu "HANS IM GLUECK" habe ich für mehrere Sequenzen Musik aus Studers CD "DUOS" verwendet... 

Über alle diese Jahre hinweg ist nach und nach die Idee zur Reife gekommen, die bisherigen, durchwegs guten Arbeitserfahrungen auch einmal auf ein gemeinsames Projekt anzuwenden - wie vor längerer Zeit bei meinem Film mit Roman Signer ("SIGNERS KOFFER"), dem ebenfalls eine 10-jährige Freundschaft mit zahlreichen gemeinsamen "Versuchen" vorausgegangen war. 
Damals wie heute basiert meine Motivation, einen Film zu machen, auf der Anziehungskraft und inspirierenden Wirkung, welche vom Schaffen der Protagonisten auf mich selber ausgeht. 

Ich liebe die Musik von Koch-Schütz-Studer - für mich die grossartigste Gruppe im Lande! Es ist mir ein Bedürfnis, diese farbige, zugleich brachiale und feinnervige Musik einem breiteren Publikum näherzubringen, das noch immer Berührungsängste zeigt mit Improvisierter Musik. Es gehört nun einmal zum Wesen der Improvisierten Musik, dass sie suchend ist, dass sie auch mal "durchhängt" und nicht findet - um dann bei umso reicheren, überraschenderen Ergebnissen anzukommen. Improvisierte Musik nimmt Stimmungen auf wie kein anderes Genre - nicht nur die der Mit-Musiker, auch die des Publikums, aller Anwesenden, des Raumes, der ganzen Umgebung... Kann man dieser Musik überhaupt gerecht werden ausserhalb des Live-Konzerts? 

Improvisierte, ereignishafte Musik verliert enorm als "wieder-aufgeführte", abgespulte Ton-Konserve. Die aufregende Direktheit und Sinnlichkeit dieser Musik vermittelt sich im Grunde nur durch das physische Dabeisein - oder dann eben, bestenfalls gesteigert, durch die spezifischen Mittel des Films. Es gehört auch zu den Privilegien des Films, dass geschnitten werden kann: Wir können den umwegreichen, zuweilen auch anstrengenden oder gar langweiligen Weg eines improvisierten Konzerts zu seinen Höhepunkten raffen und - ohne den kreativen Kampf auszusparen - soweit auf die spannendsten Strecken verdichten, dass wir sowohl einen privilegierten Einblick in die musikalische "Küche" bekommen, als auch immer wieder geniessen können, was als Essenz dieser Arbeit "auf den Tisch kommt". 

Live-Musik ist Ausbreiten, Film ist Verdichten... Von der Verdichtung eines 30-tägigen Konzert-Marathons mit Koch-Schütz-Studer auf eine Stunde Bild und Ton verspreche ich mir ein Musik-Erlebnis erster Güte. Meine ganz persönliche Begeisterung für diese ungebrochen wilde und zugleich höchst kultivierte Musik auf ein möglichst grosses (auch Fernseh-)Publikum zu übertragen und mit diesem teilen zu können, ist mein wichtigster Antrieb, dieses Projekt zu realisieren. 

Von Anfang an war mir klar, dass ich einen Film mit den Musikern und nicht über sie drehen wollte. Ebenso wusste ich, dass mich weder ein herkömmliches Musiker-Portrait, noch die klassische Dokumentation einer Konzert-Tournee interessieren würde. Lange haben wir nach einer Form gesucht, die ein möglichst radikales Einsteigen in die Welt von KSS erlaubte - und damit zugleich die optimale Möglichkeit, dieser scheinbar "schwierigen" Musik die Türen zum Publikum zu öffnen. Schliesslich hat sich nach mehreren Treffen und fleissigem Gedankenaustausch eine alte Idee des TRIOs herauskristallisiert: die Schaffung einer "Ausnahmesituation", einer 30-tägigen Raum-Inszenierung, die für Musiker, Hörer und Filmer gleichermassen die Bedingung liefert, tief einzutauchen in das, was diese Musik ausmacht.

Peter Liechti   

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