PETER LIECHTI (1951-2014)
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DEDICATIONS - PETER LIECHTIS UNVOLLENDETER FILM (2016, Film / Installation / Buch)
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Zu «DEDICATIONS»

Jolanda Gsponer

«Wenn ich an den Film denke, der im Atelier auf mich wartet, so kommt er mir tausend Mal wirklicher vor als alles, was es da zu sehen gibt vom Spitalfenster aus. Die Bilder werden sich immer mehr überschneiden. Sie erzeugen eine neue Vision von dem, was mich künstlerisch noch etwas angeht. Ob ich das Tempo mithalten kann, ist die andere Frage.» Tagebuchnotiz von Peter Liechti, März 2014

Mit seinem letzten Filmprojekt «Dedications» wollte sich Peter Liechti einen lang gehegten Wunsch erfüllen: die Realisierung einer Trilogie. Die wichtigsten Begleiter auf seinem Weg als Filmemacher waren ihm die Malerei, die Literatur und die Musik – lebenslang gewachsene künstlerische Bezugsfelder. Stellvertretend für die Malerei und die Literatur wählte er Vincent van Gogh und Robert Walser, deren Werk und Leben ihn immer ganz besonders beschäftigt hatten. Den dritten Teil der Trilogie wollte er «dem unbekannten Dinka-Häuptling» widmen, den er 1999 auf einer Recherchereise im heutigen Südsudan getroffen hatte. Der Maler, der Schriftsteller, der Häuptling – unterschiedlicher könnten die drei Hauptdarsteller nicht sein. Doch für Peter Liechti verkörperte ihr Leben und Wirken das, was er als «Ausdruck des Menschlichen» bezeichnete. Er plante drei Essays, drei ganz unterschiedliche Welten – zusammengefasst in einem Stück Kino.

Aber das Fortschreiten seiner Erkrankung war nicht aufzuhalten. Trotzdem hat er die Arbeit an «Dedications» vorangetrieben, oft bis zur Erschöpfung. Manchmal auch zweifelnd, ob er das kräfteraubende Filmprojekt vielleicht aufgeben und die ihm verbleibende Zeit ausschliesslich dem Schreiben widmen sollte. Aus der ursprünglich geplanten Trilogie entstand ein neues Konzept, bei dem die drei Teile filmisch ineinanderfliessen – und in dem Peter Liechti seine Krankheit mitthematisieren wollte. Eine generelle Widmung an das Leben sollte es werden, an das, was ihn umtrieb, bereicherte und verpflichtete. Leben, Schreiben und Filmen, ein untrennbarer Prozess.

Während Monaten hat er umfangreiches Rohmaterial aus seinem Filmarchiv gesichtet und selektioniert, Texte geschrieben und redigiert, im Appenzell und in Zürich neues Material gedreht – um schliesslich mit der Cutterin Annette Brütsch die Montage zu beginnen. Entstanden ist ein möglicher Filmanfang, ein Rohschnitt, 15 Minuten lang, ungesichert und offen, so wie es der Arbeitsweise des Autors entsprach.

Am 4. April 2014 ist Peter Liechti verstorben. Seine Hoffnung, eine Rohschnittfassung des Films zu schaffen und seinem Filmteam zur Endfertigung zu übergeben, sollte sich nicht erfüllen.

Neben dem 15-minütigen Fragment hat uns der Autor vielfältiges Material hinterlassen: Da ist einmal sein «Spital-Tagebuch» – Notizen, Selbstbeobachtungen und Gedanken, die während zahlreicher Spitalaufenthalte entstanden sind. Bereits von der Krankheit gezeichnet, liest der Autor diesen Text vor der Kamera selber vor. Hinzu kommen Aufnahmen vom Triemlispital und von Recherchereisen nach Belgien und Frankreich sowie eine breite Auswahl aus seinem privaten Filmarchiv. Bilder, die er «Dedications» zugedacht hatte.

«Dedications» – Peter Liechti konnte seine grosse Trilogie nicht vollenden. Die Fertigstellung des Films unter Fremdregie stand ausser Frage. – Und doch ist nun mit vereinter Hilfe von Freunden, ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Autors eine Arbeit entstanden die dem sehr umfangreichen Material in drei Teilen gerecht zu werden versucht:

1. Die gefilmte Lesung Peter Liechti präsentiert sein Spital-Tagebuch. Für den filmischen Essay «Dedications» war dieser Text als sprachliches Fundament gedacht. Der Autor selber hat ihn im Januar 2014 in seiner Atelierwohnung in Wald (Appenzell Ausserrhoden) vorgelesen, gefilmt von Peter Guyer.

2. Die Installation Für die Präsentation des umfangreichen Rohmaterials hat der Künstler Yves Netzhammer eine Installation konzipiert, die an Filmfestivals und in Museen gezeigt werden kann. Die Installation soll innerhalb des vielschichtigen Materials Bezüge sichtbar machen und gleichzeitig dem fragmentarischen, offenen, baustellenartigen Stand der Dinge gerecht werden.

3. Das Buch: Es enthält neben ausgewählten Filmstills den vollständigen Text des Spital-Tagebuchs, Auszüge aus der Drehvorlage zu «Dedications» und ausgewählte Texte aus den «Logbüchern», wie Peter Liechti seine Reisenotizen nannte. – Erinnerungen und Begegnungen, die er in «Dedications» einarbeiten wollte.

Ergänzt wird das Buch mit einer DVD, die den bestehenden 15-minütigen Filmanfang enthält: eine erste Fassung, ein Fragment, das der Autor noch mehrfach überarbeitet hätte. Gleichwohl haben wir uns für diese limitierte Form der Veröffentlichung entschieden. Die DVD erlaubt es uns, 15-Minuten unfertigen «Liechti-Blick» zu sehen.

«Dedications» – meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich haben uns bemüht, das unvollendete Projekt sorgsam und mit grösster Wertschätzung der künstlerischen Arbeit von Peter Liechti gegenüber umzusetzen. Ich hoffe, das ist uns geglückt. Es ist auch unsere «Dedication» an den bild- und wortgewaltigen Künstler und Freund.


Was machen wir denn jetzt?

Tania Stöcklin

Wenn ich Freunde und Bekannte besuche, entdecke ich in deren Wohnung oft das gleiche Bild, das auch bei mir hängt, in meiner Küche, in der ich mich oft aufhalte: ein Fotoporträt von Peter, er lacht.

Manchmal rede ich in Gedanken mit ihm und manchmal kommen mir Satzfetzen über die Lippen – ich sage ihm, dass er mir fehlt, oder dass ich es gar nicht zum Lachen finde... oder ich stelle Fragen.

«Was machen wir denn jetzt? Ja, was machen wir denn jetzt?» Diese Frage stammt aus Peters Liechtis Spital-Tagebuch.

Im Oktober 2013, ich steckte damals mitten in der Arbeit an einem Filmschnitt, wurde ich von Peter angefragt, ob ich für sein Projekt «Dedications» die Supervision in Montage übernähme. Das Script zum Film sandte er mir im Anhang einer Email. Es war spät in der Nacht, als ich sie öffnete. Ich wollte das Dossier am nächsten Tag eingehend studieren und vor dem Schlafen nur noch einen schnellen Blick reinwerfen. Nach den ersten paar Sätzen war ich gefangen im Tagebuch. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Die Schonungslosigkeit, die Traurigkeit und Melancholie der Texte und ja, auch der darin aufflackernde Humor hatten mich sofort in ihren Bann gezogen.

Im filmischen Essay «Dedications» sollten diese schriftlichen Beobachtungen und Reflexionen, die Peter Liechti während seiner häufigen Aufenthalte und nach etlichen Operationen im Spital verfasst hatte, die sprachliche Ebene, den Erzähltext bilden:

«...in ungeschönter Klarheit im Hier und Jetzt verankert, in einer etappenartigen Krankheitsgeschichte, die mit allen Hochs und Tiefs des Spitalalltags ihren Lauf nimmt. Dieser wird aber immer wieder vergessen und überflutet von einem

unbändigen Erinnerungsstrom, Momenten wildesten Lebens und selbstvergessener Melancholie»*.

«Dedications» sollte eine Widmung an das Leben werden. Doch das Leben spielte nicht mehr mit. Peter konnte das Projekt nicht vollenden, an dem er, seinen Schmerzen trotzend und unter Aufbietung seiner allerletzten Kräfte, bis fast zuletzt gearbeitet hatte. Zwei Wochen vor seinem Tod wollte er mir den Rohschnitt zeigen, den er mit der Editorin Annette Brütsch begonnen hatte. Doch auch dazu kam es nicht mehr.

«Eigentlich wollte ich nur wissen, wie das Wetter wird – und ich erfahre, dass morgen die Welt untergeht...»*

Die Texte des Spital-Tagebuchs hat Peter drei Monate vor seinem Tod in seinem Appenzeller Atelier selber integral vorgelesen. Diese Lesung wurde von Kameramann Peter Guyer aufgezeichnet. Gedacht als erzählerische Orientierung, sind diese Aufnahmen Teil des gesamten Rohmaterials von «Dedications».

Zum Film-Fundus gehören auch umfangreiche Rechercheaufnahmen und Reise-Erinnerungen aus Peter Liechtis über die Jahre angereichertem Archiv. So drehte er in Belgien unter anderem im Naturkunde- und im Psychiatriemuseum. In Namibia hatte er einst musikalische Szenen gesammelt, instrumentale Darbietungen

afrikanischer und westlicher Rhythmen, Gesänge, Tänze... Im Sudan war er mit seiner Kamera in einen oft wortlosen Dialog mit den stoischen, von Elend und Bürgerkrieg gezeichneten Dorfbewohnern getreten. Selten haben mich Blicke eindringlicher getroffen als diese, direkt gerichtet in Peters Kameraauge. Der Dinka-Häuptling mass der Kamera magische Eigenschaften bei und wünschte, Peter möge die Bilder des Desasters in seiner eigenen Heimat zeigen. Diesem Wunsch wollte er in «Dedications» entsprechen.

Die dritte Bildebene des geplanten Films besteht aus persönlichen, verstörend schönen Super 8-Expressionen in Schwarz-weiss, gedreht auf Streifzügen durch die Ostschweiz, der Region, aus der Peter Liechti stammte und in die er sich immer wieder gerne zurückzog. Die Aufnahmen der vierten Ebene wurden alle nachts im Spital gedreht. Es sind karge, seltsam beengende Impressionen.

Als «fliessenden Bild- und Klangrausch, als ein Vorbeiziehenlassen der wichtigsten künstlerischen wie persönlichen Eindrücke der vergangenen Jahre»*, so malte sich Peter Liechti das vollendete Werk aus.

Am 4. April 2014 ist er gestorben. Er hatte einen Rohschnitt von einer Viertelstunde.

«Was machen wir denn jetzt? Ja, was machen wir denn jetzt?»

Es war bald klar, dass «Dedications», in Peters Sinne, nicht einfach von jemand anderem hätte weitergeführt werden können. Die Montage steckte in den Anfängen. Das ganze Projekt war zutiefst persönlich angelegt, hing ab von der künstlerischen Ausdruckskraft des Autors und folgte seiner inneren Vorstellungs- und Erinnerungswelt. Der Autor war aber nicht mehr da.

Es ist in erster Linie der Entschlossenheit von Peter Liechtis Frau, Jolanda Gsponer, zu verdanken, dass wir heute einen Einblick nehmen können in das umfangreiche Material. Ohne das Werk zu manipulieren, mit grösstem Respekt vor der künstlerischen Authentizität, hat sie nun Bilder, Texte und Töne einem Publikum zugänglich gemacht.

Nach eingehenden Gesprächen mit den engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, nach Suchen, Verwerfen und Abwägen nahm das Konzept einer Veröffentlichung schließlich Form an und wurde von Jolanda Gsponer in enger Zusammenarbeit mit Annette Brütsch und unter Mitwirkung von Freunden, Freundinnen und ehemaligen

Teammitgliedern in drei Teilen umgesetzt.

Peter war stark. Er verfolgte seine Interessen und Pläne leidenschaftlich und unbeirrbar, verfügte nebst seiner künstlerischen Sensibilität und Verletzlichkeit über ungebändigte Kraft, Neugierde und Lebenswille. Zutiefst in meinem Innern konnte ich nicht wirklich glauben, dass der Tod stärker sein würde als er.

«Dedications» werden wir nie vollendet, in der Handschrift des Autors, zu sehen bekommen. Aber wir erhalten nun die Möglichkeit, mit Hilfe unserer eigenen Vorstellungskraft zu erahnen, wie der filmische Essay hätte werden können.

Der Begriff Dedication lässt sich auch mit Hingabe übersetzen. Mit Hingabe und Beharrlichkeit hat uns Jolanda Gsponer nun einen Zugang zu den visuellen Fundstücken aus Peter Liechtis persönlichem Filmarchiv verschafft. Wir sind aufgerufen, damit den Gedankenstrom unserer eigenen Phantasie zu speisen.

«...Das einzig Schöne im Zimmer ist der kleine orange Lampion, den sie mir gestern gebracht hat aus unserem Gärtchen... Kleines rotes Laternchen, ich möchte heim zu dir. ...» *

Cinebulletin, Dezember 2015

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* Zitate aus dem Script und dem Spital-Tagebuch

 

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