PETER LIECHTI (1951-2014)
Ricerche : Contatti  
Film / Libri : Collaborazioni : Bio/Filmografia : Premi : Testi 
Attualità : DVD/Libri/VoD : Download : deutsch : français : english : 中文
 
ESCURSIONI ALPINE (1986, Fiction/Essay, 3:4, 16mm blow-up comopt; DVD / DigiBeta, 33')
Index : Clips/Trailer : Cast : Testi sul film : Stampa : Distribuzione, vendite, indicazioni techniche : Downloads


Ausflug ins Gebirg

Original-Text 

Glatz und Schlund. Saustein und Schätteregg. Üble Schlucht und Schrecken. Motten, Stollen, Tote Alpe, Eisengülle, Metzgertobel, Nonnenalp und Ritzenspitzen. Schmalzberg und Saustein. Höllritzeralp und Kackenköpfe. Gurgen, Wäldle, Töbele, Kratzer, Krottenkopf, Mädelegabel, Madloch, Schiggen, Totenfeld und Schrottenkopf. Krofen, Gufel, Schritzer, Schlipfhalden und Kahlrücken. Hoher Riffler, Knittelkarspitzel, Laufbichel, Schreierkopf und Sinnesbrunnen. Gungelgrün und Grottenkopf. Pestkapelle, Säuling, Faselfad und Gries und Schön. Köpfle, Mösle, Roter Schrofen, Schönjöchle, Schnatzerberg, Hintergiggel, Grins und Schweig. Hirschhals und Mutterkopf. Hexenkopf und Schruns. Beim Herrgott.

Hochtannbergpass. Hoch oben und Tannen. Bergtannen hoch auf dem Pass. Auf der Passhöhe oben die Höhentannen. Und Schröcken dazu. Schröcken vor dem Hochgebirgstanngrachtenstotz. Gleich auf den Hochtannbergpass hinauf bin ich weitergefahren. Schröcken war gar nix. Unschrecklich. Sonnenschirmerdbeerterrassen. Alles noch röter, noch brauner als bei uns. Also bin ich weitergefahren. Eine Zigarette habe ich angezündet. Auf der Passhöhe vom Hochtannbergpass bin ich abgestiegen. Etwa Mittag wird es gewesen sein. Ich habe ein Zimmer reserviert. Ich habe zum Fenster hinausgeschaut.

Das Haus ist nix. Das Zimmer ist Scheisse. Da will ich bleiben. Ein Fenster zum Hinausschauen hat es ja. An die Hänge hinaus, in die Berge hinauf, auf den Himmel, auf die Wolken hinauf. Schräge Wäge muss man dort hinaufsteigen. Auf die kleinen Leute unten hinabschauen von der Kapelle oben herab. Man kann von dort auch weiter die Hänge hinaufschauen. In die höchsten Berge hinauf kann man da schauen. Auf die Zacken, auf die Spitzen oben, ganz oben. Mit Feldstechern die Täler absaugen. In Bergruh verharren. Stillstand von oben. Alles flach von der höchsten Höhe herab. Unwohl fühlt man sich. Da kommt das Geniessenmüssen. Da kommt das Auskostenmüssen vom Herabschauenkönnen. Die Euphorie sucht man. Man schnappt nach dünner Bergluft. Ich jage meine Gedanken nach unten, doch sie steigen. Ein fieser Auftrieb lässt sie steigen. Dort krepieren sie in der dünnen Bergluft. Der Berg zerstört meine Gedanken. Der Berg macht blöd.

Ein paar Fotos habe ich gemacht. Von Hang gegenüber. Ganz weich sieht der aus. Grüne Polster mit Bergbächen darin. Auf Sessellifte hoffe ich. Eine Sesselliftfahrt wünsche ich mir. Auf eine unendlich hohe Alp hinauf mit einem unendlich langen Sessellift. Über Weiden möchte ich sesseln. Ins Licht möchte ich blinzeln, Lüftchen einatmen, einschlafen ein bisschen. Grosse Vögel links und rechts. Silber in den Bergen. Ich ziehe mich aus. Auf dem Bauch liegend schaue ich hinab auf heisse Wiesen. Sehr heiss, sehr trocken. Ich friere, ich habe Durst, ich habe Angst. Ins Tal hinab möchte ich sofort. Zu den Leuten hinab. Zu den Strassen mit den Autos hinab. Terrassen und Kuchen im Tal. Ich habe genug vom Zimmer. Es reicht mir da oben. Ich geh, ich geh.

Barmherziger Schnee, komm und deck diese Hänge zu. Bring Form in diesen Dreck. Deck zu, deck zu! Deck alles zu und halt es warm. Lieber warmer Schnee, deck zu diese Nacktheit. Gib den Schmutzbauern den warmen Pelz. Lieber weisser Schnee, bring die Farben hier herauf. Bring das Kettenrasseln auf die Strasse. Das Eisscharren am Morgen. Hilfe! Wasser statt Schnee. Dieses Röcheln in den Hängen.

Nur schnell noch vom Hotel Enzian. Nur noch schnell von der Himbeertorte und dem Hustenbub. Himbeertorten muss man dort gegessen haben. Deshalb habe ich die Himbeertorte gegessen. Unten gelb, oben rot. Unten Teig, oben Gelatine. Und Himbeeren obendrauf. Sehr rote Gelatine. Das alles habe ich gegessen. Dazu Kaffee. Dazu der Bub. Durchs ganze Enzian hindurch hat der gehustet. Ein blonder Bub, der immerzu gehustet hat. Meist gegen mich hin. Auf mich hat der losgehustet. »I brauch a Huastentaferl. I brauch a Huastentaferl.« Eine hoffnungslose Husterei war das. Es gab keine Huastentaferln. Mein Pech. Auch die Torte. Mein Pech. Die half gar nix. Im Gegenteil. Der Bub war neidisch. Nur noch fataler hat der gehustet. Ein richtig fataler Hustenterror war das. Da half nur noch zahlen. Sofort zahlen und gehen musste man da. Augenblicklich das Enzian verlassen.

Da stehe ich plötzlich am Berg da oben. Ich will gar nix vom Berg. Gar nix will ich von dem. Wenn das wenigstens ein schöner Höcker wäre. Aber das ist kein schöner Höcker. Im Gegenteil. Ein wüster Höcker ist das. Nix zum Verweilen. Nur Unbeeindruckendes. Nix Erwähnenswertes. Nur Erwähnensnichtigkeiten, die ich da erwähne. Ich mag eben volle Seiten. Mich vom Berg befreien will ich mit diesen Seiten. Von allen Bergen. Vom Regen, von wüsten Hängen. Schöne Seiten gegen hässliche Ausblicke. Gegen verstörte Natur. Die Armseligkeit da oben verführt zum Detail. Keine Fülle gibt es da oben. Die Einzelheiten machen konfus. Ihnen fehlt der Zusammenhalt. Sie sind kein Spiegel des Ganzen.

Etwas hinzeigen will ich. Jenen Helikopter zum Beispiel. Jenen Hubschrauber dort oben. Der Kerosingeruch in der Bergluft. Ganz ins Filmen hineinbegeistert habe ich mich da. Einen Film nach dem andern habe ich aufgebraucht. Diese unglaublichen Bewegungen im Sucher. Dieses Tier im Visier. Da habe ich keine Filme mehr. ich gebe das auf, das Zuschauen. Immer wenn er weg ist, sind die Sauhänge wieder da.

Einen Schnaps will ich. In Bludenz einen Schnaps trinken. In BluBluBludenz. Unweit von Bregenz liegt Bludenz. Froh ist mir in Bludenz. Warm ist mir in Bludenz. Warme Luft der Niederungen. Nudeln und Knödeln und Niederungen. Im Gasthaus zur Altdeutschen Stuben bin ich abgestiegen. An der Mutterstrasse Sieben in Bludenz, da bin ich jetzt, unweit vom Rheintal. Auf das weite Rheintal freu ich mich. Ich trinke einen Obstler in der Altdeutschen Stuben. Wohl ist mir beim Obstlertrinken.

Immerzu muss man damit rechnen, in ein Gewitter zu kommen. Wie es überhaupt immerzu regnet hier. Eine richtige Regengegend ist das hier. Immerzu nass. Immerzu dunkel. Immer zu kalt. In Lech unten habe ich Kaffee getrunken. Lauter ahnungslose Kaffeetrinker waren das. Ahnungslose Engländerinnen, alle hellblau, ahnungslose Holländer, dauernd am Schwatzen.

Auch die Deutschen waren ahnungslos dort unten. Alte ahnungslose Deutsche, alle hinkend. Mitten in diese ganze Ahnungslosigkeit hinein ist dann das Gewitter eingebrochen. Völlig ahnungslos bin ich da in diese Rüfikopf-Bahn eingetreten. Mitten in der Seilbahnfahrt hat die Kabine zu fahren aufgehört. Alle hatten plötzlich eine Ahnung. Alle fragten sich plötzlich, warum sie nicht schon vorher eine Ahnung hatten. Warum sie erst jetzt in dieser Kabine drin von einer Ahnung erfasst wurden. Erst jetzt, geradewegs über dem Abgrund. Eine abgründige Ahnung hatte die vorher Ahnungslosen erfasst. Gerade jetzt ein Berggewitter. Gerade wir und ein Berggewitter. Aus allernächster Nähe. Mitten drin waren wir. Kindskopfgrosse Hagelkörner hat es dann herabgeschmissen. Überall auf dem Rüfikopf die kindskopfgrossen Hagelkörner. Das hat gewütet da oben auf dem Rüfikopf. Ohrenbetäubend hat das gewütet. Und dunkel ist es geworden auf dem Berg.

Das Schwarzenberger Frauchen 
das liess sich gerne brauchen.
Jetzt irrt es dort im Tälchen
bei den verlornen Seelchen.

Die Schwarzenberger Rehlein
die gehn mit spitzen Zehlein
vorbei an jenem Tälchen
der ausgestossnen Seelchen.

Es hellt ein wenig auf. Es dunkelt etwas ab. Es macht ein wenig auf. Es tut ein wenig zu. Es tröpfelt von den Bäumen. Von überall her tröpfelt es. Nicht einmal regnen tut es. Nicht einmal nieseln kann man dem sagen. Nein, tröpfeln muss man dem sagen. Manchmal ein wenig mehr, manchmal ein wenig weniger. Je nachdem ob es eher etwas aufmacht oder ob es eher etwas zutut. Ab und zu fährt ein Fahrzeug über die nasse Strasse. Man hört das Tröpfeln in den Kastanienbaumblättern. Die Tropfen fallen auf weisse Gartentische hinunter. An den Magen geht diese Tröpfelei. Vielleicht war es ein Fehler, dass ich nach Schwarzenberg gefahren bin. Nach Schwarzenberg bin ich gefahren, weil ich noch nicht heim will. So bin ich in dieses Tröpfeln hineingeraten. Auf dieser Reise bin ich, um zu vergessen, wozu diese Reise gut sein soll. In Schwarzenberg weiss ich wieder, wozu diese Reise gut sein soll. Deshalb war es vielleicht ein Fehler, dass ich nach Schwarzenberg gefahren bin. So muss ich dieses Tröpfeln da ertragen. Diese grünen Tröpfchen direkt vor meinem Fenster. Sie rinnen und fallen herab, rinnen und fallen herab. Ich mag keine Heimsuchungen. Pfui Tröpfchen. Heim mit den Heimsuchungen. Aufhören jetzt, aufhören.

Die Schillinge sind sozusagen aufgebraucht. Alles verfressen. Die ganze zügellose Schillingumsetzerei verdanke ich dieser Gegend da. Entweder sie frisst mich oder ich fresse sie. Entweder ich habe keine Schillinge mehr oder ich habe noch Schillinge. Ich habe aber sozusagen keine Schillinge mehr. Da muss ich mich schnellstens absetzen von dieser Gegend da. Speisen ist mir näher als Wandern. Speisende sind mir näher als Wandernde. Speisende, nicht Fressende. Da liegt das Ungesunde. Im Fresszwang liegt das Ungesunde. Wie beim Wandern ist das. Im Wanderslustzwang liegt das Ungesunde. Es gibt speisende Wanderer und fressende Wanderer. Ich bin weder das eine noch das andere. Weder ein solcher Wanderer noch ein anderer Wanderer. Überhaupt kein Wanderer bin ich. Aber zum Fresser geworden bin ich.

In diesem Tropfental da bin ich zum Fresser geworden. Nicht die Speisen sind wichtig. Das Ver-Speisen ist wichtig. Das möglichst radikale Auffressen. Diese Berge abtragen- Saubermachen ist wichtig. Grässliches Fettiges meistens. Weg damit, möglichst rasch weg damit. Hinunter vom Teller hinein in den Magen. So eine Hatz ist das. Ich schlage mich voll. Ich schlage mich. Eine Quälerei ist das. Ein Glück, dass die Schillinge sozusagen aufgebraucht sind. Eine Nacht noch. Ein Frühstuck noch. Dann will ich mich absetzen.

Ein riesiger Haufen ist das, dieses Frühstück. Ein Mordshaufen. Auch die Serviererin ist ein starkes Stück. Ein Mordsstück ist das, diese Serviererin. Jetzt schau mal zu, wie du mit diesem Haufen zurechtkommst. So denkt dieses Mordsweibsstück, nicht ohne Kampflust im Gesicht. Das wird die schon sehen, wie ich damit zurechtkomme. Dieser Berg ist mein letzter Berg da in Österreich. Stück um Stück diesen Mordshaufen abtragen. Noch einmal voll zuschlagen. Voll in den Magen hineinschlagen. Auch mit dem Regen da bin ich fertiggeworden. Ein starkes Stück ist dieser Regen da. Schon in der Früh dieser Gewaltsregen da draussen. In gewaltigen Massen bringt die Serviererin das Regenfrühstück. Und Stück um Stück wird sodann Stück um Stück - der gewaltige Frühstücksakt vollzogen.

Noch einmal zurück nach Lech. Weit zurück ist das schon. Den Fischteich wollte ich aufsuchen in Lech hinten. Eigentlich war es die Vorstellung, die mich da nicht mehr losgelassen hat. Die Vorstellung von einem Fischteich da hinten in den Bergen. Von Vorstellungen regelrecht gejagt musste ich diesen Fischteich auffinden. Vorbei an anderen Teichen zwischen die Berge hinein ging es zu den grünen Fischteichen ganz hinten im Tal. Wie die Fische da im ruhigen Wasser lagen. Wie treibende Holzstücke, dachte ich. Haufenweise dahintreibendes Holz. Die ganze grossartige Ruhe um die treibenden Fischhaufen herum. Wie die Ruhe nach einer Katastrophe kam mir das vor. Oder wie die Ruhe vor einer Katastrophe. Scheue Tiere zu trägen Haufen zusammengetrieben. Für einmal kein Regen. Für einmal kein Ton. Sanfte Bewegung im grünen Wasser. Hinten in den Bergen die ruhigen Leiber im Wasser. Kleine weisse Flocken auf den Nasen. Ganz deutlich kann man das sehen aus der Nähe. Sie sind krank die schönen Tiere. Weisse Flocken entwachsen ihren Körpern. Überall im grünen Wasser die weissen Blüten der Krankheit. Dort unter den grünen Bergen treiben sie, die weissen Blüten. Ganz hinten im Abseits das Wesentliche, endlich. Nicht mehr losgelassen hat mich das.

© 2003-2019 : www.peterliechti.ch  : Colophon :  Inizio pagina : Konzept Claude Brauchli / Programmierung+Entwicklung Mathias Knauer