PETER LIECHTI (1951-2014)
Ricerche : Contatti  
Film / Libri : Collaborazioni : Bio/Filmografia : Premi : Testi 
Attualità : DVD/Libri/VoD : Download : deutsch : français : english : 中文
 
THéâTRE DE L'ESPéRANCE (1987, Experimental/Essay, 3:4, 16mm commag; DVD/DigiBeta, 19')
Index : Clips/Trailer : Cast : Testi sul film : Stampa : Distribuzione, vendite, indicazioni techniche : Downloads

«Ein Ausflug in die Bilderwelt» Ralph Hug, Ostschweizer AZ, 16-1-1987
Ronald Reagan, Michail Gorbatschow und nicht zuletzt Kurt Furgler sind die Hauptdarsteller in Peter Liechtis neuem Film «Théâtre de l'esperance», der heute abend in der St.Galler Grabenhalle zu sehen ist. Liechti ging mit der Super8Kamera nach Genf zum Gipfeltreffen 1985, um Bilder dieses «Theaters der Hoffnung» einzufangen. Was er subjektiv filmte, konfrontierte er später mit den objektiven Bildern, die den TVZuschauern in aller Welt vom selben Anlass in die Stube geliefert wurden. Daraus entstand keine Politsatire, sondern eine filmischkünstlerische Neuinszenierung mit Bildern. die von Liechti so lange bearbeitet wurden, bis sie gefügig wurden.

Wie nahe kommt man überhaupt an die Sache heran? Von welcher Erlebnisqualität sind die Bilder? Welchen Erfahrungsschatz bergen sie und wie kann dieser hervorgeholt, sichtbar gemacht werden? Das waren Fragen, mit denen Liechti, von der Faszination des Grossunternehmens «Gipfeltreffen» angezogen, nach Genf fuhr. Er und sein Begleiter, der Künstler Roman Signer, suchten mit der Kamera nach einer Wirklichkeit, die dem Normalbürger sonst nur künstlich per Bildschirm zugänglich ist. Tatsächlich waren sie überrascht: Statt in die Hände von Sicherheitsbeamten und «Gorillas» zu geraten, gelang es ihnen, unerwartet nahe an die Ereignisse zu stossen:
Im Vorortszug nach Versoix machten sie den Punkt ausfindig, an dem der amerikanische Konvoi trotz täglich wechselnder Routen immer vorbeifahren musste. Dort filmten sie schemenhafte, gepanzerte Limousinen, die mit Vollgas die Repräsentanten der Macht an den Konferenzort transportierten, und erhielten so erste Bilder von symbolhafter Prägnanz.

Schliesslich stiessen sie gar ins Hotel vor, wo die Delegationen unter scharfer Bewachung konferierten, dies mit Hilfe einer Verwechslung: Der Gastwirt, bei dem sie ein Taxi bestellt hatten, hielt sie für Gäste des Hotels und bestellte prompt das luxuriöse Hoteltaxi, in welches Liechti und Signer nach einigem Zögern kurzerhand einstiegen...

«Es war zum Teil wie Science Fiction», berichtet Liechti über seine Genfer Erlebnisse, die ihm viel authentisches Bildmaterial lieferten, das es nach radikalsubjektiven Kriterien auszulesen galt. Der besondere Reiz lag nun in der Konfrontation mit den privilegierten TV-Bildern, die Liechti allerdings nicht einfach unbesehen übernehmen mochte: Die abgedroschenen Bilder eines auch abgedroschenen Themas (Abrüstung) mussten neu ans Licht gezerrt, es musste ihnen ein neuer Realitätsgehalt gegeben werden, damit sie wieder zu sprechen anfingen. Dies besorgte Liechti in langwieriger Schneid und Studioarbeit, wobei das Super-8 und Videomaterial auf 16 mm verarbeitet und zu einem Werk zusammengefügt wurde. Die Rahmenhandlung lieferte Liechti eine Aktion von Roman Signer, der auf der Hundwiler Brücke einen Koffer übers Geländer sausen lässt, aus dem Tausende von Makulaturblättern in die Tiefe regnen.

Auch als inhaltlicher Kommentar zum Genfer Gipfel ist diese Aktion gedacht, aus der leicht eine Vielzahl symbolischer Bezüge herausgelesen werden können, von der Papierflut bis zur Tatsache, dass der Koffer letztlich in einem Strudel verschwindet…


«Medienwirklichkeit befragt» Corinne Schatz, St.Galler Tagblatt, 16-1-87

Eigene Bilder entgegengesetzt
Eine ganz andere Seite in Peter Liechtis Schaffen zeigt sich im Film «Théatre de l'espérance» («Theater der Hoffnung»). Anlass dazu gab das Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow in Genf, das politische Grossereignis des letzten Jahres. Das Material zum Film bezog Liechti einerseits aus den Aufzeichnungen der Fernsehsendungen (rund neun Stunden), andererseits aus den Aufnahmen, die er selbst bei einem Tagesausflug nach Genf machte.

Ihn interessierte damals, wie nahe man als «Amateur», ohne Presseausweis mit einer einfachen Super-8-Kamera an das resolut abgeschirmte Geschehen herankommen könne. Durch Zufall gelangte er an eine Stelle, wo der Konvoi mit den Politikern mehrmals vorbeifuhr.

Liechti konfrontiert die Authentizität des eigenen Erlebnisses mit den Bildern der Medien, die mit grossem technischen Aufwand produziert wurden. Durch seine radikal subjektive Auswahl und die Bearbeitung dieses Fremdmaterials versuchte Liechti die Bilder, die er als reine «Verbrauchsbilder» ohne Informationspotential sieht, in einen ganz persönlich geprägten Film einzubeziehen und ihnen dadurch neuen Gehalt zu verleihen.

Ein pessimistischer Kommentar
Auf einer dritten Ebene, die sich filmisch stark von den übrigen unterscheidet, blendet Liechti Bilder einer Aktion vom Roman Signer ein: ein Koffer wird von einer Brücke hinuntergeworfen. Immer an der gleichen Stelle bleibt der Film stehen, der Koffer «hängt» in der Luft. Durch die Wiederholung wird der Film in fünf Sequenzen geteilt, erst beim letztenmal fällt der Koffer ganz in die Tiefe und verschwindet in einem Wasserstrudel.

Ein radikal pessimistischer Kommentar Liechtis kommt hier zum Ausdruck. Das Gipfeltreffen in Genf wird als reines Schauspiel entlarvt, der Brückenschlag als misslungen dargestellt. Die Hoffnungen, die in das Treffen gesetzt wurden, sind im Strudel der Ereignisse untergegangen. Das Treffen blieb in der Sicht Peter Liechtis hohles Medienspektakel, das sich im Grunde gar nicht so sehr von den pompösen, nach strengen Repräsentationsregeln abgehaltenen Staatsempfängen früherer Jahrhunderte unterschied.


Heimo Ranzenbacher, kleine Zeitung von Graz, 3-6-87
Die anschliessend gezeigten Filme von Peter Liechti - «Ausflug ins Gebirg», «Tauwetter» und «Théatre de l'espérance» - werden das Letzte hoffentlich nicht sein, was die Schweiz an Vorbildlichem in Graz präsentiert. Liechtis «Théater der Hoffnung», eine aus TV-Aufnahmen von Auftritten und Treffen führender Politiker montierte Ost-West-Apokalypse gab ein impressives Bild von der Schmiere als mediales Welttheater.


Walter Ruggle, Züri-Tip, 3-4-87
(…) Dafür hat, wer hätte von ihm etwas anderes erwartet, Peter Liechti mit seinem «Théâtre de l'espérance» gewisse Eindrücke einer näheren Betrachtung unterworfen, und zwar jene, die das Genfer Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow bei ihm hinterlassen haben. Es ist ganz amüsant und aufschlussreich, wenn Gesten, Bewegungen, Verhaltensweisen der Haupt und einiger Nebendarsteller unter die Lupe genommen werden. Liechti zeigt unter anderem Fernsehbilder, die in ihrer Flüchtigkeit die Details viel zu rasch übergehen.

© 2003-2019 : www.peterliechti.ch  : Colophon :  Inizio pagina : Konzept Claude Brauchli / Programmierung+Entwicklung Mathias Knauer